HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
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KOPIE NR.: 01/03
1970 war ein außergewöhnliches Musikjahr. Eines der großartigsten Werke dieses Jahres stammt von VAN DER GRAAF GENERATOR, der Band um den Sänger und Kopf Peter Hammill. Peter Hammill ist, wenn man so will, der beeindruckendere Peter Gabriel, ein dunkler Poet mit einer überlegenen Stimme und einem weiter reichenden Sinn für Songwriting.
Das ist hier jedoch zweitrangig. Beide Künstler verehre ich, würde mich aber in den 70er Jahren, wenn es darauf ankommt, immer für VDGG und Peter Hammill entscheiden. GENESIS weisen zwar keine derart extrem schwankende musikalische Entwicklung auf, dafür haben GENESIS niemals jene eingesperrten Ungeheuer aus der seelischen Tiefsee freigesetzt. VDGG waren da viel näher am geistlichen Niveau von KING CRIMSON, anstatt am bunten Zauber von YES oder GENESIS.
Eröffnet wird H to He Who Am the Only One von einem der bedeutendsten Progressive-Rock-Songs, den bis heute eine Band aufgenommen hat. Der Song gehört zu den magischen Momenten neben Starless, Lady Fantasy oder Supper's Ready.
Killer donnert von der ersten Sekunde an ungezügelt wie ein unumgänglicher Sturm auf einen herein, angetrieben durch den extrem pumpenden Bass und natürlich durch das Saxophonspiel David Jacksons, der dieses Instrument auf eine völlig einzigartige und ungewöhnliche Weise spielt. Herausragendes Merkmal des VDGG-Sounds ist die majestätische, ausdrucksstarke und charismatische Stimme Peter Hammills und sein unwirkliches Talent, Songs zu schreiben und durchweg großartige Texte zu verfassen.
Peter Hammill ist und bleibt der fantastischste Sänger dieser Ära. Kaum ein anderer Sänger erreicht die gedankliche Dichte, düstere Poetik und Eindringlichkeit seiner Texte, die er nicht nur stimmig vertont, sondern auch schon fast beängstigend mit Leben füllt.
Daneben sorgt David Jacksons exzessiver Höllenritt auf dem Saxophon einfach nur für staunende Momente, womit man sogar Leute begeistert, die diesem Instrument normalerweise nichts abgewinnen können. In Killer übernimmt er mit seinem Blasinstrument den Part der E-Gitarre(!), die im wirklich einzigartigen Sound von VDGG bekanntlich kaum vorhanden ist, inklusive eines Psychosolos voller ungezügelter Lust. Es ist einfach nur der blanke Wahnsinn, was David Jackson in dem Song abzieht, sich quasi beim Spielen dreimal um die eigene Achse dreht, sich in jede Richtung überschlägt und sein Saxophon bis an die Grenze der physischen Belastbarkeit treibt.
Guy Evans hält mit seinem anspruchsvollen, aber sehr songdienlichen Schlagzeugspiel alles zusammen und lässt für die beiden Stars Hammill und Jackson genug Freiraum. Vertonte Zerrissenheit.
Wie Hammill die Wörter betont, in die Höhe treibt: „So you live in the bottom of the sea, and you kill all that come NEEEAAAAARRR YOOOOOOUUUUUUUHHHHHHOOOUUUUUU…”. Oder wenn er dann in seiner durchdringenden Art ein paar Oktaven höher singt: „And you crave companionship and someone to call your own; because for the whole of your life, you've been living alone”. Festgehaltene Gänsehautmomente und Sternstunden des Progressive Rock. Was für eine enorme Stimme das ist.
Dieses kurze Rhythmuserdbeben dazwischen und dann dieser sich öffnende Erdspalt, eingeleitet von folgenden stakkatoartigen Textzeilen: „Death in the sea, death in the sea, Somebody please come and help me, Come and help me. Fishes can't fly, fishes can't fly, Fishes can't and neither can I, neither can I”. Danach absolute grausame Dunkelheit, ein tosender Sturm, kurze aufblinkende Lichter, bevor alles wieder in sich zusammenstürzt und der Fürst mit seinem Blasinstrument aus der Hölle aufsteigt. Unbeschreiblich, was da alles in dem Song passiert und welche mächtige Kraft entwickelt wird. Und das alles ohne E-Gitarren. Pure Intensität.
Mit House with No Door folgt danach ein zutiefst trauriger, zurückgenommener Song mit einer überwältigenden Gesangsdarbietung von Peter Hammill, der hier unfassbares Gefühl in seiner Stimme trägt. Wie großartig emotional kann man bitte singen und betonen? Begleitet von Hammills Pianoklängen, pumpenden Bassläufen und Evans beruhigenden Rhythmen am Schlagzeug, entfaltet sich ein wunderschöner Song, ganz ohne Kitsch.
Nach diesem Ruhepol folgt mit The Emperor in His War Room wieder ein sehr düsterer Song, in dem wieder alles steckt, was VDGG ausmacht. Wieder ist es dieser unglaubliche Sänger, der mit seiner Stimme alles mitreißt, und diese beunruhigend kalte Atmosphäre, die für den frühen VDGG-Sound so typisch ist. Fast sakral betörend erzeugt der Song eine sehr intime Stimmung. Das folgende leicht avantgardistische Lost variiert dabei immer zwischen anmutigen, ruhigen Momenten und kurzen Ausflügen in die Psychose, bevor mit The Pioneers over C das Album noch mal mit einem weiteren Höhepunkt ausklingt, wie es begonnen hat.
H to He Who Am the Only One kennt keinen Schwachpunkt. Jede Note ist grandios ausgearbeitet, die Gesangslinien sind meisterhaft inszeniert, jedes Break ist stimmig, die Rhythmuswechsel sitzen präzise, genauso wie die faszinierenden und passenden Texte von Hammill. Obwohl dieses Album bereits in sich geschlossen war, erschien 2005 die remasterte Edition mit noch druckvollerem, donnerndem und voluminöserem Sound, wodurch dieses Werk noch weiter aufgewertet wurde. Daneben gibt es mit Squid 1 / Squid 2 / Octopus einen unveröffentlichten Bonustrack (neben einer anderen Version von The Emperor in His War Room), der zu den besten VDGG-Kompositionen gehört und eine unerwartet wilde Band präsentiert, bei der alle Akteure (besonders der eher ruhige Evans am Schlagzeug und der nicht wiederzuerkennende unkontrollierte Hammill) so richtig den Schlüpfer umdrehen und das Album endgültig zu dem Meisterwerk machen, das es ist.
Ein seltenes und wünschenswertes Beispiel für eine gelungene und nachvollziehbare Neuauflage eines Albums. In seiner Gesamtheit ist H to He Who Am the Only One für mich vielleicht das beste und ergreifendste Werk aus diesem Genre, das sich nur noch mit dem düsteren, aber komplexeren Pawn Hearts streitet, welches ebenfalls aus dem Hause und dem Hirn von Peter Hammill stammt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Werk und den Namen Peter Hammill hier schon gepusht habe, aber für alle ernsthaften Prog-Fans ist H to He Who Am the Only One ohne Ausrede ein unumgängliches Werk. In seinen stärksten Momenten zählt es für mich zu den größten Leistungen der Rockmusik.
Dresden, den 05.03.2009
Handzeichen: Oberprüfer J.

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