Donnerstag, 22. August 2024

The Kinks - The Kinks Are the Village Green Preservation Society

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Erst mit Mitte dreißig bin ich "The Kinks Are the Village Green Preservation Society" begegnet; zu einem Zeitpunkt also, an dem man für gewöhnlich nicht mehr damit rechnet, dass sich die eigenen musikalischen Grundfesten noch einmal verschieben lassen. Heute ist es nicht nur mein Lieblingsalbum, es ist zugleich der Maßstab, an dem ich einen erheblichen Teil der restlichen Popmusik messe; es gehört für mich zu der kleinen Gruppe von Alben, deren Wirkung sich nicht im Moment des Hörens erschöpft, sondern über Jahre hinweg unaufhörlich weiterarbeitet.

Eines der großen Werke der späten Sechziger ist es allemal, zugleich aber auch eine eigentümliche Bestandsaufnahme britischer Identität, Erinnerung und Vergänglichkeit, getragen von einem Songwriter, dessen Beobachtungsgabe eine sagenhafte Präzision besitzt. Ray Davies erreicht hier einen Grad songwriterischer Meisterschaft, bei dem jeder Superlativ kläglich erscheint, weil er zwangsläufig hinter seinem Gegenstand zurückbleibt. Kaum ein anderer Songwriter hat die Eigenheiten britischen Alltagslebens mit vergleichbarer Akribie erfasst, ohne jemals in spöttische Darstellung oder Gefühlsduselei abzugleiten; so gut wie jeder Song kreist um eine Vergangenheit, die vermutlich nie in dieser Form existiert hat, deren Verschwinden aber wie eine reale Verwundung behandelt wird.
Während die Beatles die Grenzen der Popmusik verschoban, vollzogen die Kinks etwas deutlich Unspektakuläreres, vielleicht aber auch Dauerhafteres: Sie beobachteten. Ihre Musik sucht weder Größe noch Monumentalität, ihre Stärke liegt im Detail, in beiläufigen Gesten, kleinen Figuren, Erinnerungsfetzen, die sich als erstaunlich haltbar erweisen. Die Beatles mögen die bedeutendere Band sein; die Kinks sind die Band, die mir mehr zu sagen hat.

Die erste Begegnung mit diesem Album verläuft eher unspektakulär, geradezu absichtslos. Nichts drängt sich auf, nichts fordert einen Handkuss ein (und daher entfaltet sich seine Wirkung oft erst zeitverzögert, manchmal Wochen später). Die Songs wirken wie Momentaufnahmen aus einem England, das gleichermaßen real und erdacht erscheint; ein Land aus Dorfplätzen, Erinnerungsspuren, Exzentrikern, längst verschlossenen Ladenfronten. Davies interessiert sich nicht für die großen historischen Bewegungen seiner Zeit, sondern für die Menschen, die von ihnen übersehen werden; seine Figuren sind Träumer, Sonderlinge, Nostalgiker, Verlierer, Beobachter, Menschen, die sich mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit an Dinge klammern, die längst aus der Welt verschwunden sind oder vielleicht nie Teil von ihr waren.

'Animal Farm' führt mich mit scheinbar einfacher, in Wahrheit aber überaus kunstvoller Erzählung immer wieder in diese wunderbare Idylle zurück. Auch 'Starstruck' und 'Picture Book' zeigen Davies' besondere Begabung; beide balancieren zwischen Leichtigkeit und Elegie, ohne den Fehler zu begehen, das eine dem anderen unterzuordnen.
Der Titelsong wirkt auf den ersten Blick wie eine liebenswürdige Kuriosität, entfaltet bei genauerem Hinhören aber eine bezeichnende Tragik. Hinter Humor und skurrilen Aufzählungen verbirgt sich die Einsicht, dass jede Bewahrung letztlich gegen einen Gegner namens Zeit kämpft, der niemals verliert. Die titelgebende 'Village Green Preservation Society' erscheint weniger als tatsächliche Organisation denn als utopischer Zufluchtsort für all jene, die ahnen, dass jeder Fortschritt unvermeidlich auch etwas zurücklässt.

"Village Green" ist kein historisches Dokument der Sechziger; richtiger gesagt erschafft es seine eigene Vergangenheit, eine Parallelwelt, die überzeugender wirkt als so manche tatsächliche Erinnerung. Was Davies' Songwriting so ansehnlich macht, ist sein Gespür für die Würde des Unscheinbaren; aus alten Fotografien, Dorfgeschichten, gescheiterten Hoffnungen und alltäglichen Beobachtungen schafft er eine Welt, die hochspezifisch und umfassend erscheint. Texte und Melodien sind derart selbstverständlich miteinander verwoben, dass man kaum entscheiden kann, welcher Teil der größere Geniestreich ist.
Seine wohl größte Leistung besteht darin, wie selbstverständlich dieses Album Nähe erzeugt. 'Do You Remember Walter?' und 'Wicked Annabella' besitzen diese wundersame Vertrautheit großer Literatur; man hat das Gefühl, sie bereits zu kennen, obwohl man ihnen zum ersten Mal begegnet.

Kaum ein anderes Album hat meine Vorstellung davon, was Popmusik leisten kann, nachhaltiger verändert. Viele berühmtere Alben dieser Epoche beeindrucken durch Innovation oder historischen Einfluss; "The Kinks Are the Village Green Preservation Society" beeindruckt vor allem durch seine Menschlichkeit. Es erhebt nie die Stimme, versucht nie, gigantisch zu wirken.
Gelegentlich bedaure ich, dieses Album nicht früher entdeckt zu haben; wahrscheinlicher ist jedoch, dass es genau zum richtigen Zeitpunkt kam. Manche Kunstwerke erschließen sich nicht allein über Geschmack, sondern auch über Lebenserfahrung; vielleicht musste ich erst älter werden, um die Schwermut, die Zärtlichkeit, die leise Resignation dieser Songs vollständig würdigen zu können.
Das Album gehört weder einer Mode noch einer Bewegung an. Seine Welt steht seltsam isoliert neben der übrigen Popgeschichte.

"The Kinks Are the Village Green Preservation Society" besteht bis heute, ähnlich wie einige wenige andere Großtaten der Popgeschichte, weitgehend außerhalb von Trends, Zeitgeist und historischen Konjunkturen. Seine Melancholie ist nie lähmend, seine Nostalgie nie reaktionär; es bewahrt keine Vergangenheit, es erinnert daran, warum Menschen überhaupt das Bedürfnis verspüren, eine Vergangenheit bewahren zu wollen. Das Album liegt allein auf seiner eigenen kleinen Dorfwiese, dort wird es vermutlich auch bleiben; als zeitloser Beleg, wie viel Bedeutsamkeit sich in den unscheinbaren Dingen verbergen kann.

Ultravox - Vienna

 Ultravox-Vienna

Wenn es für mich ein Album gibt, das eine bestimmte Vorstellung der Achtzigerjahre nahezu vollständig in Klang übersetzt, auf der sich die Verbindung aus technischer Kühle, urbaner Melancholie und popmusikalischer Größe in besonders konzentrierter Form aufzeigt, dann ist es in meiner Welt "Vienna" von Ultravox. Nicht, weil das Album die Dekade bestimmt hätte, dafür waren die Achtziger zu vielgestaltig; sondern weil sich hier eine Klangästhetik ansammelt, die bis heute unmittelbar mit ihr assoziiert wird. Synthesizer, die nicht als Effekt eingesetzt werden, sondern Architektonik errichten, eine Produktion von nahezu klinischer Exaktheit, Melodien, die trotz aller Künstlichkeit niemals den Kontakt zum Menschlichen verlieren.

Ultravox existierten bereits vor Midge Ure, doch erst mit seinem Eintritt erhielt die Band ihre Gestalt, mit der sie schließlich Musikgeschichte schreiben sollte. John Foxx hatte die Gruppe in Richtung kalter, futuristischer Elektronik geführt, Ure rückte die Melodie stärker ins Zentrum, ohne die Fremdartigkeit des Sounds aufzugeben. Die Songs auf "Vienna" geben sich selten warm, oft sogar distanziert, aber niemals emotionslos.

Der Opener 'Astradyne' verdeutlicht dies, ein Instrumentalstück, das sich langsam entfaltet. Die Synthesizer bauen keine Kulisse auf; sie erzeugen Weite. Man hat das Gefühl, als spanne sich vor einem ein künstlicher Horizont auf. Auffallend ist vor allem die Sicherheit, mit meisterhafter Präzision, mit der die Band Dynamik erzeugt; nichts wirkt hektisch, und doch entwickelt das Stück eine ungemeine Sogwirkung.

'New Europeans' setzt diese Grundidee unmittelbar fort, jedoch deutlich direkter und rhythmischer; die Verbindung von elektronischer Genauigkeit und klassischem Rockfundament tritt besonders deutlich hervor. Hier zeigt sich, wie sehr Conny Planks Produktion die Voraussetzung dieses Klangs bildet. Jeder Ton besitzt seinen Platz, jede Textur ihre Funktion. Über diesem kontrollierten Unterbau steht Ures Stimme, kraftvoll und klar, nie übertrieben dramatisch. Nicht wenige Frontpersonen dieser Epoche verfielen dem Hang zur großen Attitüde, Ure hingegen wahrt stets eine gewisse Distanz, was den emotionalen Gehalt seiner Performance verstärkt.
Auch 'Passing Strangers' lebt von dieser Spannung. Das Stück ist von Melancholie durchzogen, die Melodie trägt eine schmerzhafte Eleganz, die Lyrics erzählen von flüchtigen Begegnungen; nichts wird künstlich dramatisiert.

Mit 'Mr. X' kühlt der Ton spürbar ab, die Einflüsse Kraftwerks treten hier besonders deutlich hervor. Die Rhythmik gerät mechanischer, die Atmosphäre fremder; dennoch verfällt die Band nie in bloße Nachahmung. Ultravox interessieren sich weniger für die Maschine selbst als für die Menschen, die zwischen ihren Zahnrädern stehen. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich ein Großteil des Albums.
'Western Promise' gehört zu den unruhigsten Momenten des Albums, aber es brodelt unter der Oberfläche unablässig, da die Produktion hier verstärkt mit Spannung arbeitet; einzelne Klangereignisse tauchen nur kurz auf und verschwinden wieder.

Und dann natürlich 'Vienna' selbst, der über dem Album kauert, obwohl er dessen Grundidee keineswegs verlässt. Die Komposition lebt nicht von einem einzelnen Einfall, sondern vom Zusammenspiel ihrer vielen Bestandteile: den orchestralen Flächen, den Synthesizern, der kontrollierten Dramatik des Arrangements, der Art, wie sich die Melodie langsam erhebt und schließlich in den Refrain mündet. Kaum ein Song der frühen Achtziger verbindet Pathos und Zurückhaltung derart überzeugend; außergewöhnlich vor allem, dass 'Vienna' trotz seiner Glorie nie ins Luxuriöse kippt. Ure kennt die Wirkung seines Songs, muss sie aber nicht permanent ausstellen.

Überhaupt liegt die Stärke des Albums weniger in einzelnen Innovationen als in dem Resultat ihrer Umsetzung. Viele der verwendeten Elemente existierten bereits zuvor, Kraftwerk hatten elektronische Musik längst neu erläutert, Bowie und Eno die Grenzen des Pop verbreitert, John Foxx bewegte sich bereits in ähnlichen Zonen. Ultravox gelang dennoch etwas anderes, denn sie bündelten diese Einflüsse zu einem Design, das in gleichem Maße genießbar und emanzipiert war.

"Vienna" entstand in der spannenden Übergangsphase, in der New Wave endgültig aus dem Schatten des Punk heraustrat und begann, die Popmusik nachhaltig zu verändern. Das Album vereint elektronische Kühle, artifiziellen Glamour und klassisches Songwriting auf eine Weise, die auch Jahrzehnte später erstaunlich frisch bleibt, was sich wesentlich Conny Planks Produktion verdankt. Der Klang ist nur dezent angeschliffen, haargenau und stellenweise buchstäblich kristallin, aber niemals sterilisiert; zwischen den synthetischen Oberflächen bleibt stets genügend Raum für Melancholie, Sehnsucht und Unsicherheit.

Das Album blickt in die Zukunft, es klingt modern, ohne modisch zu sein. Es besitzt diese seltene Eigenschaft großer Popmusik, ebenso Kind seiner Zeit und von ihr unabhängig zu sein; „Rio“, "Architecture & Morality", "Red Skies over Paradise", "A Secret Wish" – Midge Ure hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. "Vienna" ist und bleibt der folgenreichste Synthieritt der Achtzigerjahre, eingebettet in Conny Planks Soundpalast, mit Alienstudio-Technologie, dem nötigen elektronischen Rock-Fundament und den sagenhaften Gesangslinien von Midge Ure.