Sonntag, 21. Dezember 2025

The Zombies - Odessey and Oracle

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
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Wenn man über die 60er spricht, denkt man an die Beatles, Hendrix, die Stones; die großen, lauten Jungs. Aber zwischen all dem Feedback-Gewitter und LSD-Nebel entstand 1968 mit "Odessey and Oracle" ein kleines, feines Meisterwerk, das eh immer ein bisschen schräg, ein bisschen ab vom Schuss und trotzdem absolut fantastisch ist. The Zombies gründeten sich 1961 im englischen St Albans und gehörten zu den charmantesten Vertretern der sogenannten British Invasion, die Mitte der 60er-Jahre die Popwelt auf links drehte. Ihre frühen Hits wie 'She's Not There' oder 'Tell Her No' brachten sie schnell in die Charts; wirklich unsterblich gemacht hat sie aber vor allem ein Album: "Odessey and Oracle", erschienen 1968, das zweite Studioalbum der Band und für mich mit all seiner barocken Pop-Sensibilität und seinen bittersüßen Harmonien eines der schönsten und zugleich melancholischsten Psychedelic-Pop-Rock-Alben überhaupt. Eine Zauberleistung, die leider immer etwas unter dem Radar lief; in ihrer stillen Größe überragt sie jedoch bis heute vieles, was in dieser Ära sonst so erschienen ist.

Das Artwork, dieser wirre, bunte, naiv-kunstvolle Schriftzug mit dem berühmten Tippfehler im Titel, gibt eine leise Ahnung davon, dass hier nicht einfach ein weiteres Beat-Album wartet. "Odessey and Oracle" ist kein schwerer, „düsterer“ Trip wie bei Pink Floyd, kein ausgelassener wie bei den Beatles; es ist ein bittersüßer Tagtraum, ein Spaziergang durch einen bunten Sommer; eine Halluzination in Musikform.

Der Opener 'Care of Cell 44' ist dafür der perfekte Auftakt: dieser sonnige, fröhlich klingende Barock-Pop, der in Wahrheit eine ziemlich traurige Geschichte erzählt. Diese ironische Spannung zwischen Leichtigkeit und Melancholie durchzieht das ganze Album wie ein roter Faden. Rod Argents Tastenspiel und die flirrenden Mellotron-Teppiche perlen federleicht, während Colin Blunstone mit seiner sanften, unverkennbaren Stimme eine Atmosphäre schafft, die trotz aller Fröhlichkeit immer ein wenig wehmütig bleibt. Diese bittersüße Diskrepanz trägt das gesamte melancholische Masterclass-Material; Zucker auf der Zunge, Schmerz im Bauch.

Rod Argent und Chris White haben ein Songwriting rausgehauen, das zwischen „Psychedelia für Erwachsene“ und „Pop mit Hirn“ schwankt. Die Harmonien sind teilweise so dicht, dass man reinkriechen könnte; gleichzeitig bleibt das alles so leichtfüßig, dass man vergisst, wie clever das eigentlich ist. In den Abbey Road Studios aufgenommen, mit einem geliehenen Mellotron von George Harrison, klingt das Album wie aus einem Guss: feingliedrig, träumerisch, nie überladen. Als hätte die Band "Pet Sounds" mit einem Tee in der Hand gehört und gedacht: „Können wir auch.“

'A Rose for Emily' ist ein fragiles, zerbrechliches Stück, nur von Klavier begleitet, das mehr an klassische Musik erinnert als an Rock. Hier zeigt sich, warum Blunstone zu Recht als einer der unterschätztesten Sänger der 60er gilt: Er haucht den Text mit einer Zärtlichkeit, die einen unwillkürlich die Lautstärke leiser drehen lässt, als wolle man diesen Moment nicht stören. Kein großes Drama, keine Streicher; einfach nur pure, klare Melancholie, die langsam unter die Haut kriecht.

Den großen Closer 'Time of the Season' kennt vermutlich jeder. Das Atmen, dieses laszive Bass-Riff, die schnippischen Call-and-Response-Vocals, der lässige Groove; dieser ganze verführerische Vibe. Ein Song, der in seiner Coolness kaum zu überbieten ist. Unglaublich, dass dieser Hit erst nach dem Auseinanderbrechen der Band einschlug.

Alles klingt nach Flucht aus der Realität, ohne dabei je den Song aus den Augen zu verlieren. Es gibt schlicht kein Füllmaterial. Kein Song wirkt aufgesetzt oder bemüht psychedelisch; alles bleibt immer irgendwie zurückhaltend, sanft, poetisch. The Zombies schrieben keine sperrigen Prog-Exzesse und keine überdrehten Freakouts, sondern kleine Meisterwerke von bestechender Klarheit und Schönheit. Das alles geschieht mit dieser britischen Zurückhaltung, die einem nicht ins Gesicht schreit, wie großartig sie ist, sondern einen einfach sanft davon überzeugt. Alles hier wirkt so mühelos und doch so vielschichtig.

"Odessey and Oracle" ist der stille Schatten der großen Psychedelic-Alben seiner Zeit; aber in dem Moment, wo man ihm zuhört, lässt es alles andere verblassen. Nach der Veröffentlichung war das Album kommerziell ein Flop; einer der größten musikalischen Treppenwitze der 60er.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 21.12.2025

Handzeichen: Oberprüfer J.
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04. JAN. 2026
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Freitag, 19. Dezember 2025

Sigur Rós - Von

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
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Bevor die Isländer mit Alben wie "Ágætis byrjun" und "Takk..." die Post Rock-Welt eroberten, tauchten sie 1997 mit einem Werk auf, das sich mehr als klangliches Experiment denn als konventionelles Album versteht. Es ist der frühe Sound einer Band, die ihre Stimme noch sucht und dabei bereits eine eigenständige klangliche Landschaft entwirft.
Das Album zeichnet sich durch eine düstere, geisterhafte Atmosphäre aus, die durch die spärliche Produktion und den experimentellen Ansatz verstärkt wird. Sigur Rós vermischen fragile Ambient-Elemente mit ausufernden Noise-Passagen und schemenhaften Melodien. Sie schaffen eine sich langsam entfaltende akustische Landschaft, die einen in hypnotische, manchmal beunruhigende, unberührte und mystische Klangsphären zieht. Der Einsatz von Jón Þór Birgissons unverkennbarer Falsettstimme ist hier noch zurückhaltender als auf den späteren Alben. Anstelle lyrischer Direktheit gibt es gespenstisches Flüstern und undefinierte Klänge.
Ein zentraler Aspekt von "Von" ist die Fähigkeit der Band, Klangiglus zu errichten, betretbare Schutzräume gegen die eisigen Winde, die durch diese Songs fegen und unausgesprochen auf die isländische Herkunft verweisen.
"Von" ist noch kein "poliertes" Meisterwerk, wie es Sigur Rós später vorlegen sollten, sondern ein rohes Dokument einer Band, die sich in einem künstlerischen Findungsprozess befindet. Überall blitzt bereits die emotionale Vehemenz auf, die später zu ihrem Markenzeichen der Band werden sollte. Ein stürmischer Prolog zu einer der einflussreichsten Bands des Post Rock-Genres.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 19.12.2025

Handzeichen: Oberprüfer J.
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29. DEZ. 2025
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Mittwoch, 17. Dezember 2025

Cradle of Filth - Dusk... and Her Embrace

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
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Nach dem noch schwerlich kategorisierbaren, rohen Debüt "The Principle of Evil Made Flesh", mit dem Cradle of Filth 1994 als blutgetränkter, theatralischer Sonderfall zwischen Black Metal und Gothic ihre Geburtsstunde feierten, legte die britische Band 1996 mit "Dusk... and Her Embrace" ein Werk vor, das nicht weniger als die sinistre Perfektion ihres Stils darstellt. Ein opulentes, barockes Meisterstück zwischen viktorianischem Schauerroman, nekrophiler Poesie und okkultem Black Metal; so detailverliebt, so konsequent, so makellos in seiner klanglichen und konzeptuellen Ausformung, dass es in seiner Art bis heute unantastbar scheint.

Doch konnte dieser Stil überhaupt noch weiter verfeinert werden? War "Dusk... and Her Embrace" nicht bereits das maximal Verdichtete, das kunstvoll Ausformulierte eines Genres, das ohnehin schon am Abgrund entlang tänzelte? Cradle of Filth schienen diese Fragen mit einem leidenschaftlichen "Ja, aber anders" zu beantworten. Zwar blieben spätere Alben wie "Cruelty and the Beast" oder "Midian" dem Grundton treu; setzten aber neue, andere Akzente, professioneller, experimenteller und natürlich viel zugänglicher.
Doch "Dusk... and Her Embrace" bleibt in seiner Form so geschlossen, so hermetisch, dass man kaum an ihm rühren kann, ohne seine zerbrechliche Schönheit und seine albtraumhafte Eleganz zu beschädigen. "Dusk... and Her Embrace" ist ein Album, das in seinen überladenen, fast übernatürlich wirkenden Klanggewändern badet und dennoch nie ins Lächerliche kippt, vielleicht, weil es sich seiner eigenen Überhöhung so bewusst ist.

Dabei beginnt alles ganz unscheinbar: die elegische Eröffnungs-Ouvertüre 'Humana Inspired to Nightmare', ein schwermütiger Vorhang aus orchestraler Dramatik, der sich langsam hebt, um das zu offenbaren, was danach folgt: das monumentale 'Heaven Torn Asunder', eine rasende, messerscharf komponierte Black Metal-Hymne mit rasend schnellen Blastbeats, infernalischen Gitarrenläufen und Dani Filths hysterischem, geiferndem Kreischgesang, irgendwo zwischen dämonischem Kind, verrücktem Aristokraten und leidendem Tier –, der "Dusk... and Her Embrace" seinen Stempel aufdrückt.
Filth deklamiert nicht nur; er spuckt, haucht, faucht seine Lyrik in die Welt, eine literarisch versierte Mischung aus viktorianischer Romantik, dekadenter Erotik und morbidem Schauer. Dass "Dusk... and Her Embrace" dennoch weit über den bloßen Schockeffekt hinausgeht, liegt an seiner außergewöhnlichen musikalischen Ausarbeitung. Die sensationellen Arrangements wirken wie aus einem Guss; jede Note, jedes Sample, jeder orchestrale Einschub sitzt, nichts wirkt überladen, obwohl alles überladen ist.

Besonders das titelgebende Stück 'Dusk and Her Embrace' ist ein Paradebeispiel für diese doppelbödige Eleganz: Von einem zarten Gitarrenmotiv getragen, entfaltet es sich zu einem hypnotischen Reigen, zu einem opulenten Totentanz, der bei Vollmond getanzt wird, aus Chören, Doublebass-Gewittern und hymnischer Melodik.
Auch das sakrale 'A Gothic Romance (Red Roses for the Devil's Whore)' bringt diese Ambivalenz auf den Punkt: Theatralisch, romantisch, düster, ein wilder Ritt durch die Abgründe viktorianischer Erotik, von Violinensamples und Choralgesängen untermalt, als würde man ein Lovecraft-Gedicht in die Kulisse eines Hammer-Horrorfilms projizieren. Es ist diese perfekt eingefangene ästhetische Geschlossenheit, man glaubt beim Hören förmlich den kalten Stein unter den nackten Füßen zu spüren; das schwere Parfüm verfallener Damen, das Rascheln zerfledderter Kleider im Kerzenschein.

Besonders hervorzuheben ist auch das für die damalige Zeit (meine Güte, fast dreißig Jahre her) fantastische Zusammenspiel zwischen Dani Filth und den weiblichen Stimmen, die immer wieder durch die Songs geistern, schaurig flüsternd, lockend, lachend –, sie verleihen den Songs eine Sinnlichkeit, die "Dusk... and Her Embrace" aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraushebt. So ist es auch kein Zufall, dass die stärksten Momente des Albums oft jene sind, in denen diese Stimmen in den Vordergrund treten – etwa im unvergesslichen 'Malice Through The Looking Glass', dessen Melancholie damals bei mir noch Tage nachgewirkt hat.

"Dusk... and Her Embrace" ist in seiner Gesamtheit zu genießen, als Werk, als Konzept, als düsteres Theaterstück in neun Akten. Jeder Song trägt zum Gesamtbild bei; doch erst im Zusammenhang offenbart sich die wahre Stärke des Albums: das Gefühl, in eine andere Welt eingetaucht zu sein. Cradle of Filth konnten dieses Level an klanglicher Kohärenz und atmosphärischer Dichte nie wieder wiederholen, zu sehr drifteten sie mal in Richtung bombastischem Horror-Metal, mal in pseudo-symphonische Gefilde, mal in fast schon parodistische Selbstzitate.
"Dusk... and Her Embrace" aber bleibt. Ein elegisches Kunstwerk, geätzt in die Nacht. Und neben "Bergtatt - Et eeventyr i 5 capitler" und "Anthems to the Welkin at Dusk" das am klügsten komponierte "Black" Metal-Album der Neunzigerjahre.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 17.12.2025

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
27. DEZ. 2025
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Sonntag, 14. Dezember 2025

Reverend Bizarre - In The Rectory of the Bizarre Reverend

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Das finnische Trio veröffentlichte mit seinem Debütalbum ein episches Werk, das sich auf den monumentalen Sound von Vorreitern wie Black Sabbath und Candlemass stützt, dabei jedoch mit eigenem Wahnsinn und unerbittlicher Konsequenz brilliert. Es ist sowohl eine Liebeserklärung an die Tradition als auch eine triumphale "Neuerfindung". Das Album umfasst sechs teils endlos lange Songs, deren Durchschnittslänge den heutigen Hörgewohnheiten spottet; die Band macht keinen Hehl aus ihrer Absicht, einen in ein klangliches Schwarzes Loch zu ziehen.
Mit bedrohlich langsamen, donnernden Riffs und einer beschwörenden, sakralen Gesangsleistung von Albert Witchfinder zieht Reverend Bizarre den Schleier des Alltäglichen beiseite und öffnet den Weg in einen doomigen Abgrund. Witchfinders eindringliche Texte und seine warme, dröhnende Stimme verleihen dem Ganzen eine fast kultische Intensität. Ein Koloss aus repetitiven, hypnotischen Riffs, die wie ein Ritual anmuten, zeremoniell, schwer und durchtränkt von existenzieller Schwermut.
"In The Rectory of the Bizarre Reverend" ist zusammen mit der nachfolgenden EP "Harbinger of Metal" der grandioseste Mo(nu)ment des Doom Metal der 2000er; das Album bricht wie ein unausweichliches, zermalmendes Schicksal über einen herein und bleibt bis heute für mich in seiner brachialen Schwere und extremen Langsamkeit unerreicht.
Und meine Güte, wie gut 'In The Rectory' einfach ist. "We ride like a patrol of angels within a gloomy black sky" – so ein episches Geschoss! Eine Traumrealität, wie ich mir (damals) "modernen" Heavy Metal ohne Achtziger-Mief, Harngedränge und Eumel-Kitscherei vorgestellt habe. "This is a journey to a better world" ... da freut sich auch heute noch der Folterlehrling in mir.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 14.12.2025

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
29. DEZ. 2025
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Freitag, 12. Dezember 2025

Sonic Youth - Goo

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Mitten im wilden Getöse des Alternative Rock der frühen 90er erhob sich "Goo" wie ein lauter, widerspenstiger, rebellischer Riese, und trotzdem war dieses Album plötzlich irgendwie eingängig. Das Vorgängermonster hatte es bereits angedeutet. Das legendäre Noise-Kollektiv aus New York um Thurston Moore und Kim Gordon schoss sich mit diesem Major-Debüt aus dem Underground in den Mainstream, ohne auch nur einen Moment seine künstlerische Kompromisslosigkeit zu verlieren.

Vor "Goo" war Sonic Youth schon lange kein Geheimtipp mehr, aber hier gelingt ihnen ein echter Drahtseilakt: Sie nehmen die krachige Essenz des No Wave und pressen sie in ein Format, das charttauglich ist, zumindest auf ihre eigene, verdrehte Art. Statt aufzugeben, was sie besonders macht, nutzen sie ihre neue Plattform, um zu zeigen, dass man auch mit Feedback-Schleifen und verzerrten Gitarren großartige, berührende Geschichten erzählen kann.

Die Entwicklung bis zu diesem Punkt war konsequent, von radikalem Krach zu kontrollierter Anarchie. "Goo" zeigt eine Band, die sich nicht zwischen Dissonanz und Melodie entscheiden will. Der Opener 'Dirty Boots' bringt das perfekt auf den Punkt: Da sind diese sich umeinander windenden Gitarren von Moore und Ranaldo, ein verwaschener Akkord, ein schepperndes Riff, schräg und nicht ganz bei Trost. Es zischt, kratzt, und es werden auf rostigen Drähten Melodien erzwungen, die eigentlich nicht existieren sollten; ein einladender, maschinell-unnachgiebiger Tanzbeat, kein Groove, kein Swing, nur Vorwärtsdrang.

Verglichen mit dem monumentalen Vorgänger "Daydream Nation" wirkt "Goo" fokussierter, verdichteter. Eine Entgleisung; ein greller Sprung aus der Post Punk-Kälte hinein in eine lärmende, neonhelle Albtraumwelt, in der nichts glatt läuft. Sonic Youth werfen mit Gitarren um sich wie mit Brandgeschossen, und doch steckt hinter jeder dissonanten Wand, jedem fiependen Feedback, jedem scheinbar unkontrollierten Krach eine beängstigende Präzision. Hier ist nichts Zufall. Hier wird mit fanatischer Leidenschaft dekonstruiert, zerlegt und neu zusammengesetzt.

"Goo" ist zwar ihr Major-Debüt, aber es klingt, als würden sie das Label in gleichem Maße feiern und verhöhnen. Alles ist größer, lauter, klarer produziert, und dennoch bleibt die Musik widerständig und behält ihre urbane Coolness: schmutzig, arty, abweisend. Aber nie elitär. "Goo" ist keine Kehrtwende, kein Bruch, es ist eine Kristallisation. Hier wird klar, was Sonic Youth immer waren: Avantgarde mit Sexappeal. Feedback mit Seele. Eine Band, die den Lärm nicht als Stilmittel benutzt, sondern als Wahrheit. Thurston Moore und Lee Ranaldo zerren ihre Gitarren durch Dimensionen, in denen der Begriff "Akkord" jegliche Bedeutung verliert. Refrains, die sich weigern, Refrains zu sein.

Und trotzdem ist da Pop. Zwar zertrümmert, zerlegt, dekonstruiert, aber unverkennbar da. In der Struktur, in der Attitüde, im Mut zur Wiederholung. "Goo" ist nicht unzugänglich, es ist herausfordernd und besitzt Sounds, die wie Lichtblitze durch den Schädel zucken.

Das Album ist für mich auch irgendwie das "Kim Gordon-Album". Sie wird hier zur Leitfigur einer neuen Sprache. Ihre Stimme, eher ein tonloses Sprechen, völlig ohne Drama; halb Flüstern, halb Vorahnung, stets trocken, lasziv und messerscharf. Mal erzählt sie flüsternd aus einem Grab von Karen Carpenter. Dann wieder lässt sie sich auf ein Interview mit LL Cool J ein, als feministisches Statement in Lederjacke.

Am Ende steht man da – mit offenem Mund, zitternden Ohren – und hat etwas erlebt, das bleibt. Nicht als Melodie im Kopf, sondern als Störung im System. Als Bekenntnis. Zur Unordnung. Zum Lärm. Zur Schönheit des Unfertigen. "Goo" ist ihre schönste Belastungsstörung.

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Dresden, den 12.12.2025

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
17. DEZ. 2025
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Montag, 8. Dezember 2025

Fields of the Nephilim - Elizium

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere veröffentlichten Fields of the Nephilim 1990 ihr Meisterwerk "Elizium": ein Werk voller düsterer Schönheit, hypnotischer Tiefgründigkeit und majestätischer Erhabenheit. "Elizium" schafft einen gewaltigen Klangraum, der wie ein zeitloses postnukleares Reich wirkt. Mit seinen Western-Szenarien und der Lovecraft-artigen Ästhetik verwischt es mühelos die Grenzen zwischen Gothic Rock, Darkwave und einem tiefgreifenden spirituellen Erlebnis. Der Einstieg in diese sinistren Untiefen ist von epischem Ausmaß und entführt in eine bedrohliche Welt aus hallenden Gitarren, atmosphärischen Synthesizern und Carl McCoys markanter, beschwörender Schamanen-Stimme, die aus den Tiefen eines vergessenen Tempels emporsteigt; gleichzeitig wird man von dem erdigen, natürlichen Sound in einem Atomschutzanzug umhüllt. Die Songs fließen mit atmosphärischer Intensität ineinander und bilden eine untrennbare, schwerfällige Karawane, die sich durch verstrahlte Wüstenlandschaften schiebt. Die Musik beschwört Bilder unendlicher Landschaften und okkulter Rituale, aufrechterhalten von intensiven Spannungsbögen und den sphärischen Melodien der Gitarren. Hier funktioniert kein einzelner Song ohne seinen Kontext – vielleicht noch der "schwächste" Moment auf dem Album, 'For Her Light', den man als "Hit" betrachten kann. Alles bildet ein zusammenhängendes Kunstwerk, das in dieser Dimension von der Band nie wieder so intensiv geschaffen wurde. "Elizium" ist ein klanglicher Pilgerweg in eine andere Dimension, die man heutzutage nicht mehr findet, und für mich die Verkörperung, der Inbegriff und das Leitbild des Gothic Rock; es ist das Werk, das maßgeblich verantwortlich für die hohe Geburtenrate des Genres in den Neunzigern war.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

PJ Harvey - Rid of Me


Der Sturm, den PJ Harvey auf ihrem zweiten Album entfesselt, fegt unaufhörlich über einen hinweg und gleicht – milde ausgedrückt – einer Naturgewalt. Ein psychologisches Theater in Lo-Fi. Es ist der brutale, kompromisslose Zwilling ihres ohnehin schon ungeschönten Debüts "Dry". "Rid of Me" hält nichts zurück; es reißt alles aus einem heraus und gilt mit seinem einzigartigen Charme als eines der rohesten und intensivsten Alben der Rockgeschichte, eine Entblößung mit Schmirgelpapier. Die gerade mal 23-jährige Harvey zeigt sich hier als unbändige Kraft der Musik: wild, verletzlich, verführerisch und furchteinflößend. Und doch lässt dieses Album kaum erahnen, welche musikalischen Häutungen dieses Wesen noch vollziehen würde.
Die Produktion von Steve Albini verleiht dem Album einen unfassbar lebendigen, unmittelbaren Sound – jedes Gitarrenzupfen und jeder Schlag auf die Drums klingt, als stünde man im Studio direkt neben der Band. Alles, was nicht schreit oder weh tut, wird weggelassen. Für mich ist es das Album mit dem bestmöglichen Bandsound: Lärm, Brüche, Kanten und es schabt an den Nerven. "I'll make you lick my injuries", singt sie im Opener, und man spürt: Hier geht es um Macht. Um Begierde. Um Schmerz als Lust.
Songs wie 'Yuri-G', 'Me-Jane' oder 'Man-Size Sextet', das mit nervösen, sägenden Streichern direkt ins Nervensystem schneidet und es zerfasert zurücklässt, strotzen vor roher Energie, während '50ft Queenie' mit seiner punkigen Attitüde und frechen Arroganz unmissverständlich klarstellt, wer hier das Sagen hat. Diese Songs sind aus dem Fleisch geschnitten, um tief sitzende Gefühle wie Eifersucht, Verlangen, Rache oder Verzweiflung hervorzuzerren. Es gibt kein klassisches Songwriting; alles knarzt und stinkt nach unvollkommenem Dreck. Rohe, ungeschliffene Klänge dominieren und erzeugen eine bewusst unperfekte, schmutzige Ästhetik. Eine Art Notwehr, ein Versuch, das Unaussprechliche durch den Verstärker zu jagen.
Harveys Stimme wechselt ständig zwischen verletzlicher Intimität, unheilschwangerem Flüstern und animalischem Schreien; sie speit ihre Texte wie Peitschenhiebe ins Mikro, um auszutreiben. Die Musik ist eine wilde Explosion aus Kontrolle, weiblicher Wut und Selbstbestimmung, aus Kraft und Verletzlichkeit; überall lauert der rostige Splitter dieser ungezähmten Rachegöttin. Dieses Wahnsinnswerk hört man nicht einfach, sondern man durchlebt- und überlebt es.
Ein erbarmungsloses, krachend-fiebriges und unbequemes Stück Musikgeschichte aus der Blütezeit der Neunziger; das emotionalste, lauteste, hässlichste und direkteste Erdbeben mit der gewaltigsten Präsenz in Harveys Karriere.