Freitag, 23. Januar 2026

Swans - To Be Kind

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
HAUPTSITZ: DIENSTKOMPLEX NORMANNENSTRASSE, LICHTENBERG, OST- BERLIN
AKTENZEICHEN: BPfAG-HVA-Blog-1993-heute-026-SUB
KOPIE NR.: 01/70
ms. Bitte dem Genossen Abteilungsleiter zur Kenntnisnahme vorlegen!
AKTE GESCHLOSSEN

Michael Gira und seine Swans, ein Name, der längst Legende ist und in diesem Thread bereits ausgiebig gewürdigt wurde; der für eine Musik steht, die nie Kompromisse suchte, sondern stattdessen stets einen fast schon brutalen Eigensinn kultivierte. Nach einer jahrelangen Schaffenspause kehrte die Band 2010 mit "My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky" zurück, schien sich neu zu definieren, nur um in den Folgejahren, ganz ohne Netz und doppelten Boden, das zu vollbringen, was viele für unmöglich hielten: den eigenen Mythos nicht nur zu bestätigen, sondern in einer Weise zu übertrumpfen, die bis heute unerreicht bleibt.

2014 dann also "To Be Kind". Und ich sage es ohne jede falsche Zurückhaltung: Dieses Album ist für mich das ultimative Meisterwerk des 21. Jahrhunderts. Kein anderes Werk seither hat mich ähnlich erschüttert, zermalmt, erhoben und wieder zu Boden geworfen. Kein anderes Album hat mit solcher Wucht alles infrage gestellt, was ich über Musik zu wissen glaubte.

Die reine Faktenlage liest sich schnell herunter: Doppelalbum, zehn Songs, zwei Stunden Spielzeit. Eingespielt mit einer Band, die eingespielter nicht sein könnte, unterstützt von illustren Gästen wie St. Vincent, Little Annie und Cold Specks. Doch diese nackten Zahlen sagen nichts, rein gar nichts, über das Erlebnis "To Be Kind" aus.

Die erste Begegnung mit dem Opener 'Screen Shot' gleicht einem Aufnahmeritus: ein stoisches, einer immergleichen Schleife unterworfenes Bassriff, das sich von Minute zu Minute tiefer ins Mark fräst; Drums, die den Herzschlag des Albums diktieren; Gitarren, die sich eher wie Skalpelle anfühlen als wie Saiteninstrumente. Von der ersten Sekunde an markiert 'Screen Shot' den Auftakt zu einer albtraumhaften Reise, die nichts anderes als totale Hingabe verlangt.

"To Be Kind" zeigt die Swans auf dem Zenit ihres Schaffens, die kompromisslose Essenz eines über drei Dekaden gereiften Klangkörpers. In 'Just a Little Boy (For Chester Burnett)' zerrt Giras Stimme mit geifernder Obsession an den Nervenbahnen: ein grotesker Tanz aus infantil wimmernden Lauten und eruptivem Gebrüll, während das Instrumentarium brodelnd und stetig anschwillt. Der Horror liegt jedoch nicht nur im Offensichtlichen, sondern ebenso – und gerade hier brilliert "To Be Kind" – in der raffinierten Subtilität. 'A Little God in My Hands' etwa, mit seinem funkigen, fast schon lasziven Groove, erschafft eine trügerische Atmosphäre der Erleichterung, nur um sie sukzessive zu vergiften.

Das Schubladendenken wird hier endgültig ad absurdum geführt. Ist das Post-Rock? Noise? Industrial? Swans ziehen auf "To Be Kind" alle Register ihres über Jahrzehnte verfeinerten Handwerks, um etwas zu erschaffen, das keinen Vergleich duldet. Jede Melodie, jede noch so kleine harmonische Auflösung wird ins Dystopische pervertiert; die Ekstase bleibt dabei immer hohl und schmerzend. Das Fleischliche wird ins Zentrum gerückt. 'Bring the Sun / Toussaint L’Ouverture' ist hierfür das vielleicht eindrucksvollste Exempel: ein 34-minütiger Koloss von einem Song, der mit repetitiven Klangfiguren beginnt, sich langsam, schmerzhaft aufbaut und sich schließlich in einer Kakophonie aus Trommeln, Trompeten und Schreien ergießt. Es gleicht einer Zermalmung des eigenen Selbst.

Was die Faszination von "To Be Kind" ausmacht, ist auch dieser gnadenlose Minimalismus, diese Obsession mit der Wiederholung. Swans treiben das Prinzip des Loops bis ins Extrem, loten aus, wie viel man einer einzelnen Phrase, einem einzigen Riff entlocken kann, bevor alles in sich kollabiert. Man könnte meinen, das sei ermüdend oder gar redundant, und doch passiert das Gegenteil. Der Bass von Christopher Pravdica, das oft tribalistische Drumming von Phil Puleo, die infernalischen Gitarren von Norman Westberg: Jeder Musiker wirkt hier wie Teil eines grausamen Ungetüms. 'Oxygen' ist pure Ekstase und absolute Tortur zugleich, eine Orgie, ein ununterbrochener Panikschrei aus wild gewordenen Bläsern, sirenenhaften Gitarren und einem Gira, der sich die Lunge mit sadistischer Gewalt aus dem Leib brüllt.

Die Produktion, abermals unter Giras strenger Hand geführt, strotzt vor physischer Präsenz. Jeder Schlag auf die Trommeln, jedes Wimmern der Gitarren fühlt sich an wie ein Körperkontakt. Der Sound ist organisch und von unmenschlicher Präzision; jede Nuance sitzt, jeder Hallraum wird maximal ausgeschöpft. Alles klingt wie live eingespielt.

Michael Gira ist hier eine dunkle Vaterfigur, die einen mit strengem Blick durch dieses apokalyptische Klangpanorama führt. Seine Stimme ist mal tief brummelnd, mal ekstatisch schreiend, mal fast zärtlich flüsternd, immer jedoch absolut glaubwürdig. Und doch – und das ist vielleicht das größte Paradox an "To Be Kind" –: Bei aller Schwere, bei all der physisch greifbaren Wucht dieser Musik ist da auch immer ein Funke von Erhebung, von Transzendenz. Dass diese brachiale Erfahrung nicht in bloßer Zerstörung mündet, sondern am Ende in etwas zutiefst Erhabenes transformiert wird, zeigt, wie groß dieses Werk ist.

Wenn der letzte Ton von "To Be Kind" verklungen ist, bleibt Leere. Eine Leere, die man zunächst nur schwer aushalten kann, die sich aber nach und nach in eine seltsame Art von Frieden verwandelt.

Wenn man die Diskografie dieser Band, reich an Höhepunkten, Brüchen und Wiedergeburten, Revue passieren lässt, so drängt sich "To Be Kind" als unangefochtenes Opus Magnum auf. Ein Album, das in seiner Unerbittlichkeit, seiner klanglichen Präzision und seiner emotionalen Auslöschung weit über alles hinausgeht, was in den letzten zwei Jahrzehnten geschaffen wurde. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Das für mich immer noch beste Album des laufenden Jahrhunderts.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 04.01.2026

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
04. JAN. 2026
ARCHIV-VERWALTUNG

Donnerstag, 8. Januar 2026

Deinonychus - Ark of Thought

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
HAUPTSITZ: DIENSTKOMPLEX NORMANNENSTRASSE, LICHTENBERG, OST- BERLIN
AKTENZEICHEN: BPfAG-HVA-Blog-1993-heute-026-SUB
KOPIE NR.: 01/70
ms. Bitte dem Genossen Abteilungsleiter zur Kenntnisnahme vorlegen!
AKTE GESCHLOSSEN

Jeder Liebhaber von Musik, besonders von abseitigen Klängen, kennt sie: diese eine, stille, alles verändernde Konfrontation mit Musik, die mehr ist als bloßer Klang. Musik, die kein reines Hören mehr zulässt, sondern Besitz ergreift. Musik, die nicht fragt, ob man bereit ist, sondern sich aufdrängt wie ein Sturm im innersten Kern der Wahrnehmung.

Diese Art Erfahrung hatte ich 1997, als ich zum ersten Mal mit "Ark of Thought" von Deinonychus in Berührung kam. Es war kein Album, das mir im Freundeskreis empfohlen wurde, kein gehypter Geheimtipp aus Metalzines oder Mailorder-Heftchen. Es war ein Zufallsfund, umso schöner, dass ich Marco Kehren, den Kopf und Sänger hinter Deinonychus, ein Jahr später auf einem meiner Lieblingsalben wiederhören durfte; natürlich: "Sardonischer Untergang im Zeichen irreligiöser Darbietung". Ein schicksalhafter Griff ins musikalische Dunkel, der mich unvorbereitet in einen bodenlosen Abgrund zerrte, und mich nie wieder ganz hat losgelassen.

Es war 'My Days Until', der dritte Song, der mich vollends zertrümmerte. Noch benommen vom düsteren, schleppenden Opener, war ich kaum vorbereitet auf die Wucht, mit der sich der Song in meinen Kopf fraß. Ein klanggewordener Zustand der Hoffnungslosigkeit; eine zähe Masse aus Verzweiflung, getragen von dieser tief heiser röchelnden Stimme, die weniger sang, als klagte, keuchte, schrie.
"Ark of Thought" war kein gewöhnliches Doom- oder Black-Ding, es war eine Art seelischer Zustand, eingefroren in Klang, mit einem bedrohlich langsamen Tempo. Das Faszinierende an diesem Album ist nicht seine instrumentale Gewalt, nicht die vermeintliche Finsternis, die es durchzieht, sondern das, was darunter liegt. Es ist diese allgegenwärtige, bohrende Melancholie, die nicht laut auftritt, sondern leise eindringt; eher wie das Geräusch fallender Asche. Gitarren, die keine Riffs mehr spielen, sondern Schleifen der Pein ziehen.
 
Die Songs sickern hinein, umreißen die Ästhetik, die klangliche Kälte dieses Albums – und doch verlieren sie sich nie in eruptiven Momenten. Stattdessen zerfallen sie in ihre Einzelteile, als würden sie selbst an ihrer inneren Last zerbrechen. Und doch: So unnahbar und misanthropisch sich "Ark of Thought" zunächst geben mag, so offenbart es bei wiederholtem Hören eine intensive, zerbrechliche Schönheit.
Gerade in den Synthesizerflächen, die wie verwelkte Nebelschwaden durch die Songs treiben, steckt eine Form von brüchiger Anmut, die nichts mit klassischer Schönheit zu tun hat, sondern mit der ungeschönten, nackten Form des Menschlichen. Es wäre ein Fehler, "Ark of Thought" rein musikalisch bewerten zu wollen, als ginge es hier um Riffqualität oder Songwriting im herkömmlichen Sinne. 
Dieses Album funktioniert wie ein stilles, nie endendes Selbstgespräch; ein inneres Monologisieren aus tiefstem Weltschmerz heraus. Es ist nicht "gut produziert" im konventionellen Sinne, aber perfekt in seiner klanglichen Abstumpfung. Der Mix klingt wie ein uraltes Tonband, das durch Jahre des Leidens gegangen ist. Das Schlagzeug stolpert apathisch, stumpf und schleppend durch die Songs; die Gitarren raunen als matschige, verschwommene, amorphe Masse daher. Und der krönende Seelenmüll-Gesang von Marco Kehren, zwischen Flehen und halb verfaultem Wahnsinn, verklebt sich zu einem Klanggeschwür der Verzweiflung, das jeden Hoffnungsschimmer unter einer dicken Schicht nihilistischen "Lärms" zu ersticken droht.

In diesen Momenten erscheint die Welt gänzlich bedeutungslos. Deinonychus klingen auf "Ark of Thought" nicht wie eine Band, sondern wie ein Symptom; eine zur Schaustellung von Depression, Entfremdung, Suizidgedanken – all dem, wofür man kaum Worte findet.
Es gibt nicht viele Alben, die ich mit solcher Ehrfurcht betrachte, als Ventil, als stillen Begleiter. Es ist kein Album für jeden Tag; und schon gar nicht möchte man täglich in diesen Abgrund hinabsteigen, wo man nichts findet außer Dunkelheit, nicht tröstend, aber verstehend.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – erkennt man sich selbst in ihr.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 08.01.2026

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
04. JAN. 2026
ARCHIV-VERWALTUNG