HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
HAUPTSITZ: DIENSTKOMPLEX NORMANNENSTRASSE, LICHTENBERG, OST- BERLIN
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KOPIE NR.: 01/70
Jeder Liebhaber von Musik, besonders von abseitigen Klängen, kennt sie: diese eine, stille, alles verändernde Konfrontation mit Musik, die mehr ist als bloßer Klang. Musik, die kein reines Hören mehr zulässt, sondern Besitz ergreift. Musik, die nicht fragt, ob man bereit ist, sondern sich aufdrängt wie ein Sturm im innersten Kern der Wahrnehmung.
Diese Art Erfahrung hatte ich 1997, als ich zum ersten Mal mit "Ark of Thought" von Deinonychus in Berührung kam. Es war kein Album, das mir im Freundeskreis empfohlen wurde, kein gehypter Geheimtipp aus Metalzines oder Mailorder-Heftchen. Es war ein Zufallsfund, umso schöner, dass ich Marco Kehren, den Kopf und Sänger hinter Deinonychus, ein Jahr später auf einem meiner Lieblingsalben wiederhören durfte; natürlich: "Sardonischer Untergang im Zeichen irreligiöser Darbietung". Ein schicksalhafter Griff ins musikalische Dunkel, der mich unvorbereitet in einen bodenlosen Abgrund zerrte, und mich nie wieder ganz hat losgelassen.
Es war 'My Days Until', der dritte Song, der mich vollends zertrümmerte. Noch benommen vom düsteren, schleppenden Opener, war ich kaum vorbereitet auf die Wucht, mit der sich der Song in meinen Kopf fraß. Ein klanggewordener Zustand der Hoffnungslosigkeit; eine zähe Masse aus Verzweiflung, getragen von dieser tief heiser röchelnden Stimme, die weniger sang, als klagte, keuchte, schrie.
"Ark of Thought" war kein gewöhnliches Doom- oder Black-Ding, es war eine Art seelischer Zustand, eingefroren in Klang, mit einem bedrohlich langsamen Tempo. Das Faszinierende an diesem Album ist nicht seine instrumentale Gewalt, nicht die vermeintliche Finsternis, die es durchzieht, sondern das, was darunter liegt. Es ist diese allgegenwärtige, bohrende Melancholie, die nicht laut auftritt, sondern leise eindringt; eher wie das Geräusch fallender Asche. Gitarren, die keine Riffs mehr spielen, sondern Schleifen der Pein ziehen.
Die Songs sickern hinein, umreißen die Ästhetik, die klangliche Kälte dieses Albums – und doch verlieren sie sich nie in eruptiven Momenten. Stattdessen zerfallen sie in ihre Einzelteile, als würden sie selbst an ihrer inneren Last zerbrechen. Und doch: So unnahbar und misanthropisch sich "Ark of Thought" zunächst geben mag, so offenbart es bei wiederholtem Hören eine intensive, zerbrechliche Schönheit.
Gerade in den Synthesizerflächen, die wie verwelkte Nebelschwaden durch die Songs treiben, steckt eine Form von brüchiger Anmut, die nichts mit klassischer Schönheit zu tun hat, sondern mit der ungeschönten, nackten Form des Menschlichen. Es wäre ein Fehler, "Ark of Thought" rein musikalisch bewerten zu wollen, als ginge es hier um Riffqualität oder Songwriting im herkömmlichen Sinne.
Dieses Album funktioniert wie ein stilles, nie endendes Selbstgespräch; ein inneres Monologisieren aus tiefstem Weltschmerz heraus. Es ist nicht "gut produziert" im konventionellen Sinne, aber perfekt in seiner klanglichen Abstumpfung. Der Mix klingt wie ein uraltes Tonband, das durch Jahre des Leidens gegangen ist. Das Schlagzeug stolpert apathisch, stumpf und schleppend durch die Songs; die Gitarren raunen als matschige, verschwommene, amorphe Masse daher. Und der krönende Seelenmüll-Gesang von Marco Kehren, zwischen Flehen und halb verfaultem Wahnsinn, verklebt sich zu einem Klanggeschwür der Verzweiflung, das jeden Hoffnungsschimmer unter einer dicken Schicht nihilistischen "Lärms" zu ersticken droht.
In diesen Momenten erscheint die Welt gänzlich bedeutungslos. Deinonychus klingen auf "Ark of Thought" nicht wie eine Band, sondern wie ein Symptom; eine zur Schaustellung von Depression, Entfremdung, Suizidgedanken – all dem, wofür man kaum Worte findet.
Es gibt nicht viele Alben, die ich mit solcher Ehrfurcht betrachte, als Ventil, als stillen Begleiter. Es ist kein Album für jeden Tag; und schon gar nicht möchte man täglich in diesen Abgrund hinabsteigen, wo man nichts findet außer Dunkelheit, nicht tröstend, aber verstehend.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – erkennt man sich selbst in ihr.
Dresden, den 08.01.2026
Handzeichen: Oberprüfer J.

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