Montag, 2. März 2009

King Crimson - Lizard

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
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Lizard ist ein typisches Lieben-oder-Hassen-Album, ein fieser Psychoabgesang auf konventionelle Songstrukturen und eingängige Melodien. Ein wildes Biest mit Tollwut im Endstadium, gefährlich bekloppt und dem Hörer gegenüber vollständig verschlossen.
Mein Einstieg in das King-Crimson-Universum erfolgte über "Red" und "In the Court of the Crimson King", später über "Larks’ Tongues in Aspic" und "Starless and Bible Black", bevor ich mich zunächst mit neuerem Material wie dem härteren "The ConstruKction of Light", dem steril-kalten, Standards setzenden Produktions-Overkill "The Power to Believe" oder dem göttlichen Live-Knaller "The Nightwatch" beschäftigte, das zwar 1997 erschien, jedoch Aufnahmen aus den Siebzigern enthielt.

Irgendwann habe ich mich an das viel diskutierte "Lizard" herangetraut und wurde, merkwürdigerweise, sofort gefangen genommen. Beim Erstkontakt war mir ausgesprochen unwohl. Auf der einen Seite war ich überwältigt von dieser unwirklichen, kranken Atmosphäre, die besonders in den überkaputten Songs 'Indoor Games' und dem fiesen Migräne-Soundtrack 'Happy Family' ein nachhaltig irritierendes Gefühl erzeugt. Auf der anderen Seite stellte sich mir die Frage, was Robert Fripp mir damit eigentlich sagen wollte.

Zum Glück wird Lizard von einem der besten Crimson-Songs der Siebziger eröffnet, sonst hätte sich die Beziehung zwischen mir und Lizard vermutlich in eine Fehldiagnose entwickelt. Und das würde ich heute echt bereuen, denn Lizard gehört mittlerweile zu meinen Lieblingsalben, wenn ich mal komplett in mich gehen möchte und die Denke abstelle. 'Cirkus', der Opener dieses Wahnsinns, baut sich zunächst ruhig und beinahe schön auf, besitzt aber schon im Hintergrund den lauernden Sinnessturm, der sich mit einem knallharten Mellotron (übrigens ein wichtiges Markenzeichen der frühen King Crimson) rasiermesserscharf in den herrlich warmen Sound schneidet und dessen hässliche Fratze nach und nach an die Oberfläche dringt. Für mich ist 'Cirkus' eine der grandiosesten und einfallsreichsten, zugleich ehrfürchtigen wie wahnsinnigen, harmonisch-disharmonischen Kompositionen, die man auf einem King Crimson-Album finden kann. Dieses umwerfend düstere, perlende Piano, Gordon Haskells eindringlicher Gesang mit seinen beängstigenden Ausbrüchen, der tolle Text, Fripps Gott-Akkorde an der Gitarre (Gänsehaut!), Andy McCullochs wirres Schlagzeugspiel (das man in diesem Song noch am ehesten songorientiert nennen kann), das überragend schwebende leise Saxophon-Solo, die untermalenden Synthieklänge, dieser perfekte Perfektionismus der Laut-Leise-Dynamik und der hämische, verspottende Abschluss des Songs gehören für mich zu den großen musikalischen Momenten in meinem Lebenslauf als Musikfan. So wurde ich dann zum Glück doch fast schmerzfrei für King Crimson-Verhältnisse behutsam in den Zauber von Lizard hineingezogen.

Das abschließende Epos Lizard stellt mit seinen fast 25 Minuten die ambitionierteste Komposition im Schaffen von Robert Fripp und King Crimson dar. Bombastisch, munter, fröhlich, Jon Anderson als Gastsänger in der Einführung, eine Trompete, eine Oboe, ein boleroartiger Moment für die Ewigkeit, Clint Eastwood winkt aus der Ferne in seinem verstaubten Poncho zu. Unmenschliche Himmelsmelodien, Monotonie, Jazz, Blues, Saxophon, Flöte, Klavier, wirres Schlagzeug, Posaunen, mellotrongeschwängerte Tristesse und frippeske, ausufernde Arrangements und knallharte Umbrüche. Viele sprechen dem Titelstück von Close to the Edge der viel zugänglicheren und weitaus weniger anstrengenden YES musikalische Größe zu, dochr gegen Lizard zerbröselt Close to the Edge nicht nur als Einzelstück, sondern auch als Album betrachtet und kommt nicht mal ansatzweise gegen die Vielfalt, die beachtliche „Bösartigkeit“ und die kompositorische Größe von Lizard an.
Vier Jahre später komponierte Robert Fripp mit Starless ein ähnliches, aber deutlich kürzeres, unkomplizierteres und kompakteres Meisterwerk komponiert, das nicht nur aus meiner Sicht das Juwel im Schaffen von King Crimson ist, sondern in meiner Welt zu den schönsten Momenten der gesamten Rockgeschichte gehört – und vermutlich meine Grabeshymne sein wird.

Lizard klingt für mich wie ein vorbeifahrender Karneval aus einer Alptraumwelt, bevölkert von dämonischen Fratzen, entstellten Tierwesen, bösartigen Clowns, gruseligen Babys, entflohenen Psychopathen, garstigen Kobolden und Frauen mit echten Vollbärten. Alles verpackt in einem mehr als passenden surrealen Coverartwork.

Jede Wette, dass es TOOL in dieser Form niemals gegeben hätte, wäre Robert Fripp nicht einflussreich geworden.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 02.03.2009

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
09. MÄRZ 2009
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