Samstag, 14. September 2024

Karat - Der blaue Planet

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Innerhalb der deutschsprachigen Rockmusik nehmen Karat eine Sonderrolle ein; als eine der wenigen Bands des Ostblocks, deren Popularität nicht an dessen Grenzen endete, gelang ihnen mit dem 1982 erschienenen "Der blaue Planet" der große Wurf, auf den die gesamte Entwicklung der vorangegangenen Jahre bereits hinauslief.

Die schon auf früheren Alben erkennbare Verbindung aus melodischem Progressive Rock, sorgfältig ausgearbeiteten Arrangements und nicht selten gesellschaftskritischen und lyrisch anspruchsvollen Texten wird hier gewissermaßen zu Ende gedacht. Dass "Der blaue Planet" trotz seines beträchtlichen kompositorischen Anspruchs nie den Kontakt zur Eingängigkeit verliert – eine Gratwanderung, an der weit renommiertere Progressive Rock-Bands scheiterten –, zählt zu seinen größten Qualitäten. Der Titelsong 'Der blaue Planet' gehört fraglos zu den stärksten deutschsprachigen Rocksongs der Achtzigerjahre. Über weit ausgreifenden Keyboardflächen, denen sich dezent eingestreute Gitarrenakzente wie Risse in einer sonst geschlossenen Oberfläche beimischen, entwickelt Herbert Dreilich mit seiner charakteristischen Stimme eine Unausweichlichkeit, die dem Song seine eigentliche Größe beschert; die ökologische und friedenspolitische Dimension bleibt stets präsent, wird aber nie derart plump ausgestellt, dass der Song zur bloßen Botschaft verkäme.

Mit 'Blumen aus Eis' findet sich eine der eindrucksvollsten Balladen des Albums, deren Bildsprache das Paradoxe schon im Namen trägt. Die Spannung zwischen anmutiger Melodieführung und Text bringt eine unterschwellige Melancholie mit sich, die weit über den historischen Entstehungskontext hinausweist, und gerade in solchen Momenten, komplexe emotionale Zustände in scheinbar mühelose Melodien zu überführen, zeigt sich die besondere Stärke Karats.

Nicht ganz unerheblich ist zudem, wie differenziert das Album produziert wurde. Die Instrumente stehen klar voneinander getrennt im Klangbild, jedes an seinem Platz, ohne dass darunter die Geschlossenheit des Gesamtklangs leiden würde; vor allem die Keyboardarbeit von Ulrich "Ed" Swillms prägt den Charakter des Albums nachhaltig, viele Arrangements wirken symphonisch, ohne jemals ins Bombastische abzugleiten. Gegenüber Alben wie "Über sieben Brücken" fällt die gewachsene kompositorische Geschlossenheit auf; vieles wirkt konzentrierter und ausgereifter, hier fand die Band ihre Balance zwischen Anspruch und Zugänglichkeit. Songs wie 'Gewitterregen' verdeutlichen, wie selbstverständlich Karat komplexere Strukturen in klassische Songformen integrieren konnten.

Auch die innere Geschlossenheit des Albums als Ganzes ist bezeichnend. Vom titelgebenden Eröffnungsstück bis zu den nachdenklicheren Momenten eines Songs wie 'Wie weit fliegt die Taube' zieht sich eine thematische Linie durch das Werk, ohne dass sie jemals den Eindruck eines übergeordneten Konzepts erzwingen wollte; die wiederkehrenden Motive von Sehnsucht, Verlust und Hoffnung verleihen den Songs einen gemeinsamen emotionalen Kern, einen eher erahnbaren roten Faden. Dass die technischen Möglichkeiten der DDR-Studiolandschaft nicht mit westlichen Spitzenproduktionen konkurrieren konnten, hört man an einigen Stellen zwar durchaus, gerade diese leichte Schroffheit wirkt jedoch eher charakterbildend als störend. Das Album bleibt untrennbar mit seinem historischen Kontext verbunden; in seiner Entstehungsepoche politischer und gesellschaftlicher Verhärtungen gelang Karat eine Sprache, die weit über ihren ursprünglichen kulturellen Kontext hinaus verständlich blieb. Der Stellenwert des Albums innerhalb der deutschen Rockgeschichte ist entsprechend beträchtlich, und dass ein derart ambitioniertes Werk unter den Bedingungen der DDR entstehen konnte, macht seine Qualität eher bemerkenswerter als erklärbarer. Auf kulturhistorische Symbolik lässt sich das Album zwar reduzieren, gerecht wird man ihm dadurch allerdings nicht, denn wer nur den Zeitzeugen in 'Der blaue Planet' hört, überhört leider den Song.

Auch mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat "Der blaue Planet" wenig von seiner Wirkung verloren. Das liegt nicht allein an seinen starken Melodien oder der hohen kompositorischen Qualität, sondern an dem Umstand, dass es andernorts leicht in Zeitgeist oder Pathos hätte umschlagen können; gerade deshalb zählt das Album nicht nur zu den stärksten Veröffentlichungen Karats, sondern zu den überzeugendsten deutschsprachigen Rockproduktionen seiner Zeit überhaupt.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 14.09.2024

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
17. SEPT. 2024
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