Sonntag, 15. September 2024

Anathema - Judgement

MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT
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Wandelt sich eine Band derart radikal wie Anathema, kippt dies rasch in Beliebigkeit oder gar Selbstverleugnung. Mit "Judgement" gelingt den britischen Pionieren des atmosphärischen Rock etwas wesentlich Schwierigeres: die Bewahrung ihrer Identität bei gleichzeitiger vollständiger Neugestaltung des eigenen Sounds. Die doomdurchtränkten Frühwerke liegen inzwischen weit zurück, ihre emotionale Schwere jedoch nicht; sie erscheint hier lediglich in anderer Form, geläutert, konzentriert und von einer Reife durchdrungen, die auf "Alternative 4" bereits deutlich angelegt war, dort jedoch noch nicht dieselbe Selbstsicherheit besaß. Über nahezu die gesamte Spielzeit liegt ein Schleier tiefer Traurigkeit über dem Album, doch ebenso wenig wie Anathema jemals der sentimentalen Selbstbemitleidung verfielen, geraten sie hier in hoffnungslose Finsternis. "Judgement" verharrt in einem wesenseigenen Schwebezustand; weder Nacht noch Tag, weder Resignation noch Zuversicht gewinnen endgültig die Oberhand. Aus dieser permanenten Spannung heraus erwächst eine Geschlossenheit, die das Album nicht lediglich zusammenhält, sondern ihm den Charakter eines einzigen, in sich geschlossenen Gedankengangs verleiht.

Einen gewichtigen Anteil an der Wirkung von "Judgement" trägt die Produktion, die auf Klarheit und Transparenz setzt, ohne dies je mit dem Preis der Dichte zu bezahlen. Der Opener 'Deep' eröffnet diese Welt aus verhallten Gitarrenflächen und verhaltener Schwermut. Vincent Cavanagh singt mit einer irritierenden Offenheit; jede Zeile wirkt weniger vorgetragen als freigelegt. Seine Stimme besitzt noch nicht die fragile Leichtigkeit späterer Jahre, trägt aber bereits diese Verletzlichkeit in sich, die für Anathemas weiteres Schaffen prägend werden sollte.

Maßgeblich lebt "Judgement" von Danny Cavanaghs Gitarrenarbeit. Virtuosität im klassischen Sinne sucht man hier vergebens; entscheidend ist vielmehr sein nahezu instinktives Gespür für Melodieführung. Seine Leadgitarren ziehen lange, wehmütige Linien durch die Songs, umspielen den Gesang, verdichten dessen Aussage oder widersprechen ihr gelegentlich. Oft genügt eine einzelne Melodiefigur, um mehr Sehnsucht, Verlust oder Trost auszudrücken als ganze Textpassagen. Streckenweise scheinen die Gitarren überhaupt die eigentliche Erzählerrolle einzunehmen; sie kommentieren das Geschehen nicht, sie sind das Geschehen.

Mit 'One Last Goodbye' erreicht das Album seine emotionale Mitte. Die Trauer um die verstorbene Mutter der Brüder Cavanagh wird hier weder dramatisiert noch ästhetisiert; diese Zurückhaltung schenkt dem Song seine enorme Intensität. Jede Note scheint von einer persönlichen Betroffenheit durchdrungen, die sich jeder romantisierenden Verklärung entzieht – ungeschützt, von schmerzhafter Ehrlichkeit, das Herzstück des Albums.

"Judgement" hält seine Intensität mühelos über die gesamte Spielzeit. 'Parisienne Moonlight' und 'Anyone, Anywhere' öffnen den Blick in ruhigere, teilweise nahezu entrückte Klangregionen, ohne die emotionale Stoßrichtung des Albums auch nur für einen Moment aus den Augen zu verlieren. Die Melancholie bleibt allgegenwärtig, erscheint jedoch in ständig wechselnden Schattierungen. Mal äußert sie sich als resignative Niedergeschlagenheit, mal als stille Kontemplation, mal als vorsichtige Hoffnung.

Die eigentliche Leistung von "Judgement" besteht darin, dass Anathema ihre Vergangenheit nicht abschütteln, sondern verfeinern. Die Schwere des Doom Metal ist weiterhin vorhanden, nur hat sie ihre äußere Gestalt verändert. Wo einst massive Riffs und schleppende Rhythmen dominierten, übernehmen nun Melodiebögen, Harmonien und atmosphärische Verdichtungen dieselbe Funktion. Rückblickend wirkt diese Entwicklung nicht wie ein Stilwechsel, sondern wie die folgerichtige Äußerung eines Potenzials, das von Beginn an vorhanden war. Bereits die frühen Werke ließen erkennen, dass Anathema stets stärkere Interessen an Atmosphäre und Emotion als an den stilistischen Konventionen ihres ursprünglichen Genres hatten.

"Judgement" bezeichnet Anathemas endgültigen Übergang zu einer der bedeutendsten Bands ihrer Zeit, unentbehrlich nicht nur für Anhänger der Band, sondern für jeden, dem musikalische Schönheit etwas bedeutet. Zahlreiche Bands loteten in den Neunzigern die Grenzen zwischen Metal, Alternative Rock und progressiven Einflüssen aus, es gelang aber kaum jemandem eine derart überzeugende Verbindung aus emotionaler Direktheit und kompositorischer Reife. Dass Gruppen wie Katatonia oder weite Teile des melancholisch-atmosphärischen Progressive Rock der folgenden Jahre zumindest indirekt von diesem Album profitierten, verwundert kaum.

Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung hat "Judgement" kaum etwas von seiner Wirkung eingebüßt. Nicht deshalb, weil einzelne Songs außergewöhnlich spektakulär wären oder weil das Album auf einen alles überragenden Höhepunkt zusteuerte; seine Größe liegt vielmehr in der Summe seiner Bestandteile, in der seltenen Folge, mit der Atmosphäre, Songwriting, Produktion und emotionale Wahrhaftigkeit ineinandergreifen. Für mich bleibt es das bedeutendste Album der ausklingenden Neunziger, nicht aufgrund irgendeines historischen Status, sondern weil kaum ein anderes Werk dieser Zeit Trauer, Sehnsucht, Verlust und Hoffnung in vergleichbarer Geschlossenheit zusammenbringt.

Gelesen und einverstanden,
Dresden, den 15.09.2024

Handzeichen: Oberprüfer J.
EINGEGANGEN
21. SEPT. 2024
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