HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
HAUPTSITZ: DIENSTKOMPLEX NORMANNENSTRASSE, LICHTENBERG, OST-BERLIN
AKTENZEICHEN: BPfAG-HVA-Blog-1993-heute-026-SUB
KOPIE NR.: 01/70
Denke ich heute an "Into The Everflow", kehrt augenblicklich die Erinnerung an eine Zeit zurück, in der Musik noch keine Grenzen zu kennen schien, weder ästhetische noch emotionale. Unangekündigt traf mich dieses Album um das Jahr 1999 mit einer entsprechenden Heftigkeit. Es riss mich in einen Zustand von Euphorie, in ein flirrendes Gemenge aus Farben, Trugbildern und einer Emotionalität, die über die Ufer trat und meinen damaligen musikalischen Horizont für immer verschob.
"Into The Everflow" besitzt eine derart eigentümliche Aura, dass es sich bereits in den ersten Minuten mit beunruhigender Selbstverständlichkeit unter meine prägendsten Hörerfahrungen einsortierte. Ließe sich sein emotionaler Überschwang in eine physische Substanz überführen, ich würde sie mir wohl bedenkenlos direkt in die Blutbahn injizieren; in seiner psychedelischen Sogwirkung erscheint dieses Album auch heute noch überwältigend narkotisch. Jeder einzelne Song stellt eine kurze Suspendierung gewöhnlicher Wahrnehmung dar, butterweiche Stimmungswechsel und ineinander verschachtelte Emotionsebenen, deren Wirkung sich nur schwer rational entschlüsseln lässt.
"Into The Everflow" ist ein psychedelisch aufgeladener Entwurf von Progressive Metal, der sich zwar erkennbar aus den Traditionen des Genres speist, dessen Dramaturgie sich jedoch beharrlich jeder linearen Erwartung entzieht. Die Gitarrenarbeit von Dan Rock und Brian McAlpin besitzt eine Flüssigkeit und eine Zerklüftung im selben Ton, wie man sie selbst innerhalb des Progressive Metal äußerst selten vernimmt. Mit beängstigender Präzision greifen die beiden Gitarren ineinander, mal fragil und träumerisch schwebend, dann wieder aufflammend in neuer Gestalt. Während einzelne Riffs mit eruptiver Gewalt in die Songs einbrechen, sind die Soli in ihrer melodischen Intuition entrückt.
Rhythmisch verweigert sich das Album ebenfalls schablonenhafter Orientierung. Die Songs gleiten zwischen kontrollierter Virtuosität und traumhafter Losgelöstheit hin und her; ständig entsteht der Eindruck einer Musik, die ihre eigene Logik über jede Regel stellt.
Über dieser stetig changierenden Instrumentierung erhebt sich Buddy Lackeys Stimme, deren Vortrag zwischen verletzlicher Bescheidenheit und manischer Beschwörung vibriert, ohne dass der emotionale Fluss der Musik darunter zerbricht.
Gerade 'Butterfly' entwickelt mit seinen schwebenden Harmonien und dem unwirklichen Spannungsaufbau einen Sog, der sich erst lange nach dem Verklingen des Songs vollständig entfaltet. Überhaupt existiert auf "Into The Everflow" kein Moment, der beiläufig oder funktional erschiene; jede Passage, jede melodische Volte scheint präzise auf die Gesamtwirkung des Albums abgestimmt.
Die Songstrukturen sind so organisch und unberechenbar, dass sich die Musik fortwährend neu zu organisieren scheint. Auch heute besitzt "Into The Everflow" noch diese kaum greifbare Intensität, die nur wenigen Alben dauerhaft erhalten bleibt. Es saugt einen vollständig in sich hinein, zieht einen in eine Welt aus bunten Melodien, rastlosen Rhythmuswechseln und traumhaft verschobenen Klängen, deren Zauber weder kalkuliert noch verkopft erscheint und sich selbst nach zahllosen Durchläufen nicht erschöpft.
Dresden, den 30.12.2017
Handzeichen: Oberprüfer J.
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