Samstag, 18. August 2012

Immortal - Pure Holocaust

Immortal-Pure-Holocaust

IMMORTAL gehören zu den „Big Four“ der zweiten Black Metal Welle. Neben MAYHEM, DARKTHRONE und BURZUM haben IMMORTAL maßgeblich die Szene beeinflusst und geformt. Nach dem Ende der Vorgänger-Band AMPUTATION, in der die beiden Bandköpfe Abbath und Demonaz rumpeligen Death Metal spielten, gründeten sie 1990 mit IMMORTAL eine der stilprägendsten Black-Metal-Bands der skandinavischen Szene.

1992 ließen sie mit „Diabolical Fullmoon Mysticism“ eines der ersten Werke der zweiten Welle auf den Underground los. Roh, dilettantisch, kalt und kauzig rumpeln sich IMMORTAL durch sieben Songs, die zwar in keiner Sekunde an die damaligen aktuellen Vorzeigewerke von DARKTHRONE („A Blaze In The Northern Sky“) und BURZUM („Burzum“) heranreichten, aber dennoch einen gewissen Charme und Reiz ausstrahlten.

Auffälligstes Merkmal waren die bereits auf dem Debüt herausstechenden, knurrenden und abartig garstigen Vocals von Abbath, die sich in den nächsten Jahren zu einem Unikat und Markenzeichen der Band sowie der Szene manifestierten.

Rückblickend betrachtet gehört „Diabolical Fullmoon Mysticism“ nicht zu den absoluten Highlights der Szene. Es war jedoch, und darüber lässt sich nicht streiten, ein enorm wichtiges Album – sowohl für die Band als auch für die Entstehung und Entwicklung der zweiten Black-Metal-Welle. Der Grundstein wurde gelegt, doch die „Qualität“ von DARKTHRONE und BURZUM blieb weiterhin unangetastet.

Bereits ein Jahr später ließen IMMORTAL jedoch eines der bis heute mächtigsten und klirrendsten Black-Metal-Werke auf die Menschheit los: „Pure Holocaust“. Dieses Album besticht durch eisige Kälte, gnadenlose Raserei und ein durch und durch mächtiges, schwarzes Songwriting, wie es die Szene bis dahin noch nicht kannte.

Der Sound aus dem Grieghallen-Studio beeinflusst bis heute hunderte von Black-Metal-Bands. Die wilde, kompromisslose Raserei ist bis heute beispielhaft, und die sägenden, klirrenden Riffs sowie die gnadenlosen Blastbeats gehören immer noch zu den absoluten Sternstunden der Black-Metal-Szene. IMMORTAL haben mit „Pure Holocaust“ einen Genre-Meilenstein erschaffen, der von vielen Fans (zu Recht) als das beste Werk der Band angesehen wird.

Welche Bedeutung dieses Album für den Black Metal hat, sollte jedem bekannt sein. Alleine das Eröffnungs-Trio „Unsilent Storms in the North Abyss“, „A Sign for the Norse Hordes to Ride“ und das bitterböse „The Sun No Longer Rises“ ist der Inbegriff der Black-Metal-Szene der 90er Jahre! Wie ein barbarischer Schneesturm knüppeln und sägen sich IMMORTAL über 30 Minuten durch das Songmaterial und entfesseln eine Intensität, die nur auf ganz wenigen Werken zu finden ist.

Ein absolutes Highlight ist das knurrende Gekrächze von Abbath, das genauso einmalig ist wie der restliche Sound. Neben Varg Vikernes besitzt Abbath wohl die einzigartigste Stimme im Black Metal.

Mit dem 1995 erschienenen „Battles in the North“ gehörten IMMORTAL ab sofort zu den angesehensten und größten Bands im Black Metal und etablierten ihren eigenständigen Sound. „Battles in the North“ gehört bis heute zu den wildesten und wütendsten Black-Metal-Alben der skandinavischen Szene, kommt jedoch meiner Meinung nach nicht ganz an die Atmosphäre und den Irrwitz von „Pure Holocaust“ heran.

Das 1997er Werk „Blizzard Beasts“ war etwas technischer und integrierte einige Elemente aus dem Death-Metal-Genre in den Sound. Dieses Album wird leider oft verkannt, macht mir aber auch heute noch Freude – speziell der ungewöhnliche Sound.

Nach diesem Album brach für IMMORTAL eine neue Ära an, die 1999 mit dem epischen und musikalischeren Album „At the Heart of Winter“ eingeleitet wurde. Für mich hatte sich bereits hier das Interesse an der Band verabschiedet. Bis heute höre ich mir eigentlich nur noch „Pure Holocaust“ an – und das auch nicht besonders oft. „At the Heart of Winter“ ist zweifellos ein erstklassiges Werk, transportiert aber nicht mehr den frühen Spirit der Band.

Purismus hin oder her: IMMORTAL sind und bleiben eine Szenen-Ikone und gehören zu den wohl sympathischsten Bands der gesamten Szene, die sie maßgeblich beeinflusst und mitgeprägt haben.

Sonntag, 15. Juli 2012

Blut Aus Nord - The Work Which Transforms God

Blut-Aus-Nord-The-Work-Which-Transforms-God

Opulente Klanglandschaften oder tiefschwarze Alptraumwelten?
Betrachtet man das Debüt der französischen Avantgarde-Black-Metal-Institution Blut aus Nord, handelt es sich bei diesem Album um eines der faszinierendsten Kunstwerke der Black-Metal-Geschichte. „Ultima Thulée“, so der Titel des 1995er Debüts, glänzte mit ausufernden Kompositionen, träumerischen Synthies und strahlte eine einzigartige Atmosphäre aus, die leichte Parallelen zu Burzum aufwies.

Bis heute halte ich „Ultima Thulée“ für eines der intensivsten, schönsten und besten Werke der zweiten Black-Metal-Welle. Teilweise ist dieses Werk noch aufregender und tiefgehender als viele Klassiker aus Norwegen. Zeitlos ist es allemal, und es ist heute immer noch so einzigartig wie vor über 15 Jahren.

Mit dem zweiten Album „Memoria Vetusta I: Fathers of the Icy Age“ aus dem Jahr 1996 wurde die Musik zugänglicher, leichter, weniger kalt und melodischer. Aus heutiger Sicht ist mir das Album etwas zu süß, auch wenn es unbestritten tolle Momente hat.

Nach fünf Jahren überraschten Blut aus Nord im Jahr 2001 mit ihrem dritten Werk „The Mystical Beast of Rebellion“ und lösten sich komplett vom Stil der ersten beiden Alben. Kaum Melodien, reduzierte Kargheit, mehr Raserei, totale Kälte, absolute Finsternis und ein komplett neuer Sound. „The Mystical Beast of Rebellion“ ist praktisch der Beginn der neuen Ausrichtung der Band.

Mit dem 2003 erschienenen „The Work Which Transforms God“ sprengten die Franzosen endgültig die Grenzen innerhalb der Szene. Schon mit dem Intro „End“ stellen sich die Nackenhaare auf, bevor man mit „The Choir of the Dead“ komplett von der Außenwelt getrennt wird. Ich weiß noch genau, wie ich damals beim ersten Hören zusammenzuckte, als der kalte, beißende Sturm von „The Choir of the Dead“ auf meine Nervenzellen traf.

Markerschütternde, dissonante Rifffolgen, ein abgrundtief hässlich programmierter Drumcomputer, finsterste Laute von Vindsval, ein karger Sound und psychopatische Rhythmen – als hätten David Lynch und Ingmar Bergman zusammen ein Black-Metal-Projekt erschaffen. Vom ursprünglichen Black Metal und herkömmlichen Musikstrukturen ist auf „The Work Which Transforms God“ kaum etwas übrig geblieben.

Von der ersten Sekunde an wird man in einen endlosen Strudel aus purer Finsternis und Angst hineingezogen. Das ganze Album ist ein einziger Horror- und Psychotrip – vertonte Alpträume, Ängste, Qualen und Dunkelheit. Der gesamte Sound ist extrem klinisch, technoid, abweisend, eiskalt und elektrisierend, aber auch beängstigend und total weltfremd. Alleine der Drumcomputer ist so verstörend und abweisend programmiert, dass man glaubt, die Rhythmen stammen direkt von einer fremden Existenz.

Die Gitarrenriffs treffen genau auf die empfindlichsten Nervenenden, verursachen Schmerzen, tranceartige Zustände und Beklemmung, ja sogar so etwas wie Klaustrophobie. Tiefschwarze Ambientcollagen verdunkeln das ohnehin schon karge und lebensfeindliche Klangbild noch mehr und agieren genauso unwirklich wie die Gitarrenriffs. Über allem thronen die geisterhaften Laute von Vindsval.

Kein Album aus der Black-Metal-Szene hat meine Hörgewohnheiten nachträglich so sehr verändert, neu definiert und komplett aus dem System gerissen wie „The Work Which Transforms God“! Über 50 Minuten gibt es nichts weiter als pure Dunkelheit, Angst und vertonte Alptraumwelten – kurz gesagt, „The Work Which Transforms God“ bietet nichts weiter als eine musikalische Grenzerfahrung in die tiefste Dunkelheit und gehört für mich zu den besten vertonten Psychotrips, die ich bis heute kenne!

Da ist es fast schon unwichtig zu erwähnen, dass Blut aus Nord mit der abschließenden, instrumentalen Moloch-Monotonie „Procession of the Dead Clowns“ das wohl bewegendste und befreiendste Stück dunkler Musikkunst erschaffen haben!

Ob das alles noch Black Metal ist?
Nach meiner Definition ist „The Work Which Transforms God“ das Black Metal-Werk schlechthin, denn ich kenne kein einziges Album aus diesem Genre, das auch nur ansatzweise diese völlige Schwärze und Dunkelheit so exhibitionistisch offenbart.

Donnerstag, 10. November 2011

Funeral Mist - Salvation

Funeral-Mist-Salvation

Manchmal gibt es sie, die kleinen, versteckten Meisterwerke, die die Black-Metal-Szene auch heute noch erschüttern. Ein solch apokalyptischer Sturm und gleichzeitig Grenzen verschiebendes Meisterwerk ist „Salvation“ von der schwedischen Band Funeral Mist. Ein Black-Metal-Sturm voller Perversionen, Abartigkeiten, Hass und Macht! Musik, dunkler als eine Sonnenfinsternis und intensiver als jeder Höllenritt.

Schon der Beginn des Albums ist völlig faszinierend: brodelndes, industriales Wummern, Schreie, Kettengerassel, verzerrte Stimmen – bis der erste Song „Agnus Déi“ sehr leise beginnt. Es klingt irgendwie sehr leise produziert – also dreht man die Lautstärke höher. Was einen aber nach 12 Sekunden erwartet, ist der plötzliche Herztod für die Ohren: infernalisches Geschrei und megabrutales Drumming werden zusammen mit unglaublich bösartigen Riffsalven losgelassen. Bereits hier hatten mich Funeral Mist völlig gefangen genommen.

Vom ersten Ton an wird man von der überragenden Vokalakrobatik von Arioch überwältigt. Arioch bedient sich nicht des typischen Black-Metal-Gekreisches in eher höheren Tonlagen, sondern presst seine von Hass und Finsternis durchdrängten Texte in einer abartig tiefen Kehlkopf-Phrasierung in die Gehörgänge – völlig einzigartig und grandios lebendig. Er röhrt sich durch die zehn rabenschwarzen Songs, und der Wechsel zwischen tiefem Sprechgesang und garstigem Kreischen ist auf „Salvation“ an Perfektion kaum zu übertreffen.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Arioch das große Highlight auf „Salvation“ ist. Zudem ist seine Gesangsdarbietung in der gesamten Szene bis heute einzigartig!

Die Musik lebt jedoch auch von dem genialen Drumming, das fast durchweg rasend schnell dargeboten wird. Unerwartete Rhythmuswechsel, peitschende Grooveattacken und mörderisch gutes Timing prägen den Sound. Die Blastbeats werden immer wieder durch Breaks und kurze Samples aufgelockert – auch hier wird kein Standard geboten.

Ein weiteres Highlight ist die beängstigende Gitarrenarbeit von Arioch und Nachash. Riffs, die direkt aus dem Innersten der Hölle kommen, barbarisch und völlig frei von irgendwelchen Lebensspuren. Funeral Mist entfachen in den 65 Minuten einen unvergleichlichen apokalyptischen Sturm aus purem Hass, Zerstörung und Dunkelheit, der sich wie der vertonte Weltuntergang anhört. Jede der selten eingesetzten Melodien wirkt wie ein Triumphzug.

Filmsamples, Chöre, Mönchsgesänge – all das wurde auf „Salvation“ so intensiv in die Musik integriert, dass jeder Soundschnipsel perfekt platziert ist. Keine warmen Melodien, keine Spur von Ordnung oder Harmonie – der gesamte Sound von Funeral Mist ist ein abartiger, finsterer Strudel, ein schwarzes, unendliches Loch – pure hasserfüllte Energie!

Auch die Produktion von „Salvation“ ist perfekt in Szene gesetzt. Der Sound ist schon fast zu sauber und dennoch klingt alles lebendig, natürlich, roh und polternd. Eine perfekte Gratwanderung zwischen urwüchsiger Black-Metal-Tradition und musikalischer Größe.

Dass Arioch auch bei Marduk für die großen Momente sorgt, sollte mittlerweile bekannt sein. Musikalisch spielen Funeral Mist jedoch in einer eigenen Liga! Arioch gehört mit Sicherheit zu den großen Black-Metal-Künstlern, nicht nur wegen seines außergewöhnlichen Organs, sondern auch wegen seiner kompositorischen Klasse. Er ist nebenbei auch für das gesamte Songwriting bei Funeral Mist verantwortlich.

Nicht nur die Musik auf „Salvation“ ist ein alleiniges Highlight in der Black-Metal-Szene, auch das überragende Coverartwork mit seinen abartig kranken Details stellt fast jedes andere Black-Metal-Cover in den Schatten. Funeral Mist haben mit „Salvation“ nicht weniger als eines der intensivsten und herausragendsten Black-Metal-Werke des 21. Jahrhunderts erschaffen!

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Urfaust - Geist ist Teufel

Urfaust-Geist-ist-Teufel

„Geist ist Teufel“ darf mit Sicherheit heute schon zu den schillerndsten Veröffentlichungen des „neuen“ Black Metal gezählt werden. Aber ist „Geist ist Teufel“ überhaupt noch Black Metal? Wie weit sind die Grenzen? Urfaust lassen sich jedenfalls auch heute noch nicht kategorisieren oder in irgendeine Schublade stecken. Die Musik der Holländer ist eine komplett unwirkliche Fahrt durch Sphären, die man gewillt sein muss zu betreten.

Dabei machen es einem die Holländer nicht leicht, sich in ihrer Musik zurechtzufinden. Proberaum-Sound, bewusst belassene Spielfehler, überlange Songs und massenweise fremde Einflüsse – dazu ein Gesang, der zwischen purem Wahnsinn und betörender, hypnotischer Kraft hin und her pendelt. Der Gitarrensound ist fast schon an der Grenze zur Unhörbarkeit reduziert: mächtig kratzig und rostig. Melodien, die es massenweise auf „Geist ist Teufel“ zu entdecken gibt, bleiben dem Hörer zunächst verschlossen.

Das Album wird von einem stimmungsvollen Intro eröffnet. Ein eigenwilliger Tenor, beinahe beängstigend, von IX macht gleich von der ersten Sekunde an klar: Love it or hate it! Ambient-Klänge, dunkle Töne, wabernde Schwingungen – völlig reduziert und auf eine ganz eigenwillige Weise faszinierend. Eine geistige Spannung baut sich auf, bevor man durch den ersten Song „Die kalte Teufelsfaust“ die Hässlichkeit in Ton und Schmerz erlebt – zumindest vorerst.

Primitiv, völlig abwesend und ohne Sound-Perfektion poltern und holpern sich Urfaust durch ganze sechs Minuten reinster Reduziertheit. Was soll das sein? Undefinierbare Riffs, katastrophales Drumming, ein Sound, der mehr als nach Keller stinkt, und dieser irre Psychopathengesang – wechselnd zwischen extremem Kreischen à la Burzum und opernhaftem Klargesang mit einer wirklich ganz eigenen Note.

Bereits hier spalten sich die Meinungen: Wollen Urfaust überhaupt Black Metal sein? Ist dieser völlig geisteskranke Chaotenhaufen es überhaupt wert, sich weiter mit ihrer Musik zu beschäftigen? Die Antwort lautet: Ja – und noch viel mehr als das! Urfaust haben nach anfänglichen Berührungsängsten etwas völlig Einzigartiges erschaffen. Sie haben sich ein eigenes Genre geformt und sich zu einer der hypnotischsten Black-Metal-Bands entwickelt, die die Szene jemals hervorgebracht hat.

Urfaust sind mehr als nur eine Black-Metal-Band: Urfaust stehen für Spiritualität, für Kunst in ihrer hässlichsten Form, für pure Magie. Rabiat und ungehobelt, musikalisch so undefinierbar wie keine andere Black-Metal-Band. Die innere Schönheit ihrer Musik wird nicht jeden erreichen – und das ist sicher auch so beabsichtigt. Diese Musik funktioniert nur, wenn man sich komplett in sie fallen lassen kann.

Urfaust ist eine der wenigen Bands, die wirklich auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn Musik erschaffen. Musik, die äußerlich abstoßend und hässlich ist, die aber erkämpft werden muss, um die wahre Magie des Urfaust-Sounds zu erkennen. Zähflüssig baut jeder Song eine unbeschreibliche Stimmung auf – krank und faszinierend zugleich, als hätten sich Urfaust im Tonstudio verirrt und wären mit ihren Instrumenten direkt in der Klapsmühle gelandet.

Wie viele beneidenswerte Songs Urfaust geschrieben haben, ist ebenfalls in der Black-Metal-Szene einzigartig. Ob man nun die vielen Split-Veröffentlichungen, die EPs oder die drei regulären Alben „Geist ist Teufel“, „Verräterischer, Nichtswürdiger Geist“ (2005) oder das aktuelle Meisterwerk „Der freiwillige Bettler“ (2010) betrachtet – jede einzelne Veröffentlichung enthält mehr als Black Metal. Ihre Musik geht weit über die Grenzen hinaus und erschafft etwas völlig Eigenartiges.

Es ist schwer, den Sound von Urfaust zu beschreiben, geschweige denn ihn mit anderen Bands zu vergleichen. Ich kann nur sagen, dass Urfaust für mich die interessanteste aller derzeitigen Black-Metal-Bands ist. Menschen mit schwachen Nerven und Schöngeister sollten allerdings einen großen Bogen um die Holländer machen!

Samstag, 15. Oktober 2011

Marduk - Those Of The Unlight

Marduk-Those-of-the-Unlight

Schwedens bekannteste und vielleicht auch legendärste Black-Metal-Band Marduk spielte zu Beginn ihrer Karriere kantigen Death Metal, den man bereits auf dem 1991 veröffentlichten Demo „Fuck Me Jesus“ mit fanatischer Hingabe zelebrierte. Das ein Jahr später erschienene Debüt „Dark Endless“ gehört, wie auch Darkthrones erstes Album „Soulside Journey“ (1991), zu den leider wenig beachteten Death-Metal-Alben aus Skandinavien. Beide Alben besitzen eine fantastische schwarze Aura und sind mit einer grandiosen Old-School-Produktion ausgestattet (Tomas Skogsberg war für „Soulside Journey“ verantwortlich und Dan Swanö für „Dark Endless“).

Warum diese beiden Alben in der Geschichte des Death Metal fast immer übergangen werden, bleibt bis heute ein Rätsel.

1993 erschien, nach einigen Besetzungswechseln, das für viele bis heute beste Marduk-Album „Those of the Unlight“, auf dem die Band ruppigen Death Metal mit rasendem Black Metal und jeder Menge erstklassiger Melodien kombinierte. Von der typischen Monotonie und den einschläfernden Knüppelorgien, für die Marduk spätestens mit dem Einstieg von Legion am Gesang auf „Heaven Shall Burn... When We Are Gathered“ 1996 „bekannt“ wurden, ist bis einschließlich des „Opus Nocturne“-Albums von 1994 nichts zu spüren.

Marduk waren bis zum Einstieg von Legion eine eigenständige, hochklassige Black-Metal-Band, die sich auch nicht völlig schwedischen Melodien verweigerte. Auf „Those of the Unlight“ schafften Marduk meiner Meinung nach den besten Spagat zwischen Black Metal und Death Metal und würzten ihre Songs mit fantastischen Melodien. Auch hier war wieder Dan Swanö, diesmal zusammen mit Marduk, für den Sound mitverantwortlich. Der typische frühe Marduk-Sound – natürlich, lebendig, mit viel Hall und jeder Menge Raum für Atmosphäre – war noch weit entfernt von Peter Tägtgrens klinisch toten Produktionen der späteren Marduk-Alben.

Die Songs wirken lebendig, zügellos und doch gebündelt, rau und trotzdem warm. Besonders mit dem sieben Minuten langen Instrumentalstück „Echoes from the Past“ haben Marduk ein ganz besonderes Stück Musik auf dem Album hinterlassen. Ambientartige Klänge, beruhigende Töne und eine große Melodie lassen Marduk für sieben Minuten das komplette Black-Metal-Universum verlassen und tauchen den Hörer in eine tranceartige Gedankenreise. Dem gegenüber stehen Black-Metal-Klassiker wie „Burn My Coffin“, „Wolves“ oder der Titeltrack, die alle mörderische Hooklines besitzen und mit ausgefeilten Rhythmuswechseln begeistern.

Das Drumming von Af Gravf ist zwar nicht so brachial produziert wie das von Fredrik Andersson, besticht jedoch durch mehr Abwechslung und eine stärkere Death-Metal-Schlagseite. Richtig geknüppelt wird eigentlich selten. Auf „Those of the Unlight“ spielen Marduk geschickt mit Melodien, Tempowechseln und einprägsamen Gitarrenriffs. Dabei wird natürlich im hohen Tempo musiziert, von banalen Knüppelorgien der späteren Werke ist man jedoch meilenweit entfernt.

Zusätzlich schaffen Marduk nur auf „Those of the Unlight“ eine ganz spezielle Atmosphäre, die sie auf keinem weiteren Album mehr einfangen konnten. Vielleicht lässt sich das so erklären: „Dark Endless“ bot lupenreinen, schwarzen Death Metal, und „Opus Nocturne“ lupenreinen Black Metal – dazwischen liegt „Those of the Unlight“, das sich bei beiden Elementen bedient. Auch der Gesamtsound von „Those of the Unlight“ erinnert mich stellenweise an Dissections kongeniales Meisterwerk „The Somberlain“, das ein Jahr später erschien und einen fast identischen Sound aufweist.

Leider schafften Marduk es danach nur noch mit dem Nachfolger „Opus Nocturne“, die einstige Qualität, für die die Band am Anfang stand, zu erreichen. Alben wie „Nightwing“ (1998), „Heaven Shall Burn... When We Are Gathered“ (1996) oder „Panzer Division Marduk“ (1999) sind an Langeweile in der Black-Metal-Szene bis heute ungeschlagen. Ausdrucksloses Gekreische, einschläferndes Drumming und immer wieder dasselbe Gitarrenriff, kombiniert mit Tägtgrens zum Haare raufenden, klinisch toten Overlook-Sound, machten Marduk für mich unhörbar, und die Band selbst wurde immer weiter in den Strudel der Lächerlichkeit und Peinlichkeiten gezogen.

Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so drastische Entwicklung konnte man auch bei den norwegischen Black-Metal-Legenden Immortal und Satyricon beobachten. Den jüngeren Fans gefiel der neue Marduk-Sound, und so gehören Marduk auch heute noch zu den wohl bekanntesten Black-Metal-Bands der gesamten Szene. Die kreative Hochphase der Band wird jedoch mit völliger Nichtbeachtung gestraft, sodass Alben wie „Panzer Division Marduk“ oder „World Funeral“ als die Highlights von Marduk gelten.

Ironischerweise wandten sich viele jüngere Fans von der Band ab, als endlich Legion die Band verließ und auch Fredrik Andersson die Sticks an den Nagel hängte. Dass man mit dem neuen Drummer Emil Dragutinovic und besonders mit Sänger Mortuus (kreativer Kopf hinter den grandiosen Funeral Mist) zwei absolute Talente und Ausnahmekönner der Szene gewinnen konnte, interessierte auf einmal nicht mehr. Die Alben „Plague Angel“ (2004) und „Rom 5:12“ (2007) boten wieder lebendigeren Black Metal, der näher an den ersten Alben war, und glänzten mit den besten Gesangsleistungen aller Marduk-Alben.

Aus persönlicher Sicht ziehe ich zwar immer noch das Debüt „Dark Endless“ vor, dennoch ist „Those of the Unlight“ das bis heute prägendste und kompletteste aller Marduk-Alben.