Dienstag, 11. Februar 2025
Jefferson Airplane - Crown of Creation
"Crown of Creation" fängt die Essenz der späten 1960er Jahre wie kaum ein anderes Album ein. Grace Slicks unverwechselbare Stimme thront wie eine sirenenhafte Präsenz über den facettenreichen Kompositionen, während Marty Balin und Paul Kantner harmonisch eine perfekte Balance aus Leidenschaft und Melancholie schaffen. Songs wie 'Lather' - ein bittersüßer, fast theatralischer Blick auf das Erwachsenwerden - oder der hypnotisch düstere Titelsong 'Crown of Creation', in dem Slick und Kantner die gesellschaftlichen Umwälzungen seismisch spürbar machen, zeigen die Band auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Schaffenskraft.
Das Album bietet alles, was man von einer Band erwarten kann, die Psychedelic Rock nicht nur gespielt, sondern praktisch definiert hat. Üppige Klanglandschaften, verzerrte Gitarren, unorthodoxe Songstrukturen und diese schwer greifbare Aura von Freiheit und Rebellion. Das ikonische 'Triad' sticht mit seiner tabubrechenden Thematik hervor und wird von Grace Slick mit einer erschreckenden Intensität vorgetragen. Wenn es ein Album gibt, das beweist, warum Jefferson Airplane weit mehr als nur ein Relikt der Flower-Power-Ära sind, dann ist es dieses.
Sonntag, 9. Februar 2025
The Sweet - Sweet Fanny Adams
Das Album, das den Übergang von ihrer Glam Pop-Phase hin zu ernsthaftem, knallhartem Rock markierte. Die Band legte hier den glitzernden Paillettenanzug ab und spielte sich mit donnernden Riffs und einer rebellischen Attitüde mitten ins Herz der 70er Rockszene. Plötzlich klingt der Sound mehr nach Kneipenschlägerei als nach Tanzfläche. Das Album strotzt nur so vor Energie und beweist, dass The Sweet technisch versierter und wilder waren, als es ihre früheren Singles hätten erahnen lassen. Eine einzigartige Mischung aus verwegener Eleganz und rotziger Provokation. Knallharte Songstrukturen, ein Hauch von Drama, ein (Vor)Geschmacksverstärker auf Heavy Metal ('Set Me Free' präsentiert bereits eine Vorlage für den späteren Speed Metal), ausufernde Instrumentalpassagen - all das, getragen von spürbarer Wildheit und gnadenloser Hingabe, zelebriert sich die Band in knapp 40 Minuten einen festen Platz in der Rockgeschichte. "Sweet Fanny Adams" ist ein ständiges Hin und Her aus roher Energie und musikalischer Tiefe. Es vereint Virtuosität und eine unbändige Spielfreude - ein Album, das ebenso dramatisch wie rebellisch klingt und die Essenz der 70er Rockkultur farbenprächtig einfängt.
Freitag, 7. Februar 2025
Fehlfarben - Monarchie und Alltag
DAS Album, das den deutschen (Post) Punk und die Neue Deutsche Welle gleichzeitig begründet und übertroffen hat. Der Eröffnungssong 'Hier und jetzt' schleudert einen mit seinen stoischen Gitarrenriffs und dem rotzigen Gesang von Peter Hein direkt in die kalte Realität der frühen 80er Jahre. Der wahre Triumph von "Monarchie und Alltag" liegt jedoch in den Texten - zynisch, scharfsinnig und oft so trocken vorgetragen, dass man erst beim zweiten Hören die Genialität erkennt. 'Grauschleier' ist ein bitterer Kommentar zur Tristesse der Vorstadtwelt, während 'Apokalypse' das Lebensgefühl einer desillusionierten Generation in Worte und Töne fasst. Natürlich ist 'Ein Jahr (Es geht voran)' der bekannteste Song, eine ironische Hymne, die von der Band selbst eher widerwillig als Pop-Hit akzeptiert wurde (und auch der "schlechteste" Song auf dem Album ist).
Das gesamte Album bietet eine faszinierende Mischung aus minimalistischer Instrumentierung, eindringlichen Melodien und messerscharfen Beobachtungen. "Monarchie und Alltag" ist dabei aber alles andere als ein Wohlfühlalbum, sondern ein aufrüttelndes Dokument einer Ära. Ein Album, das eine klaustrophobische Welt mit unverblümter Ehrlichkeit einfängt und sich dennoch immer wieder in melodischen Hooks verstrickt. Es gehört nach wie vor zu den relevantesten und besten deutschsprachigen Alben, die bis heute auf einem Kartoffelacker entstanden sind.
Mittwoch, 5. Februar 2025
Pylon - Gyrate
Als Teil der aufblühenden Musikszene Athens, Georgia - die Bands wie R.E.M. und The B-52's hervorbrachte - waren Pylon vielleicht nie so bekannt wie ihre Zeitgenossen, aber "Gyrate" macht deutlich, dass sie ebenso einflussreich und innovativ waren. Das Album ist die perfekte Essenz aus Post Punk-Energie und minimalistischer Funk-Kantigkeit. Vanessa Briscoe Hays grandiose und wahnsinnig sounddominierende Stimme ist ein Emaskulator der ungezähmten Emotionen - sie schreit, sie heult, sie flüstert, als wolle sie jeden Song direkt in die Synapsen der Zuhörerschaft ätzen. Kombiniert mit Michael Lachowskis elastischem Bass, Curtis Crowes präzisem Drumming und Randy Bewleys scharfkantiger Gitarre entsteht ein Klang, der ebenso tanzbar wie aufwühlend ist. Songperlen wie 'The Human Body' und 'Driving School' verkörpern diese dynamische Spannung zwischen rhythmischer Disziplin und roher Spontaneität. Die Band versteht es meisterhaft, mit repetitiven Grooves hypnotische Energien aufzubauen, während Briscoe Hays Vocals immer wieder wie ein Ruf aus einer anderen Dimension wirken. 'Danger' und 'Gravity' unterstreichen Pylons Fähigkeit, vermeintlich einfache Strukturen in musikalische Mosaike zu verwandeln, die zwar stark reduziert sind, aber dennoch vor Textur nur so strotzen.
Auf "Gyrate" wagten Pylon eine visionäre Herangehensweise an Post Punk und Dance-Rhythmen. 1980 waren sie mit ihrem schmalen Grat zwischen Chaos und Ordnung - zu jeder Zeit berauschend und fesselnd zugleich - vermutlich eher so etwas wie Aliens in der aufkommenden DIY-Welle. "Gyrate" ist vielleicht deswegen so ein unglaublich intelligentes und unwiderstehliches Groove-Feuerwerk.
Samstag, 1. Februar 2025
The Knife - Shaking The Habitual
Mit "Shaking The Habitual" verabschiedeten sich die schwedischen Geschwister Karin und Olof Dreijer im Jahr 2013 endgültig von der Bühne der elektronischen Musik. Doch ihr letztes Album ist weit mehr als nur ein Abschluss; es ist ein schwer verdaulicher und zugleich faszinierender Monolith, der sich konsequent jeder Konvention entzieht. "Shaking The Habitual" ist ein Werk, das sich jeglicher einfachen Kategorisierung verweigert - eine mehr als zweistündige Reise durch harsche Elektrobeats, zermürbende Drone-Sounds, vertrackte Rhythmen, geisterhafte Klangwelten und unkonventionelle Songstrukturen. Es bricht nicht nur mit den Erwartungen, die man an Musik haben könnte, es zerstört sie förmlich.
Wer The Knife nur von ihren beiden erfolgreichen, fast poppigen Vorgängeralben kennt, wird auf "Shaking The Habitual" kaum Vertrautes wiederfinden. Hier gibt es keine eingängigen Melodien, keine vertraulichen Noten, die man aus Karins Solo-Projekt Fever Ray mitgebracht haben könnte. Stattdessen haben sich The Knife dafür entschieden, gegen den Strich zu musizieren - und das in einer abstoßenden, aber zugleich faszinierenden Weise, die alles auf diesem Album zusammenhält.
Mit einer Spielzeit von über 90 Minuten und Songs, die in ihrer Länge und Komplexität alles andere als leicht zugänglich sind, betreten The Knife mit diesem Album unbekanntes Terrain. Von Beginn an fühlt man sich in eine düstere, beklemmende Atmosphäre hineingezogen. "Shaking The Habitual" ist ein zäher, fordernder Brocken, der nichts für beiläufiges Hören übrig hat. Es bedarf einer intensiven Auseinandersetzung, um dieses Werk zu durchdringen. Einiges ist leichter zugänglich, wie die verstörend wummernde Attacke 'Full Of Fire', die mit massiven, drückenden Beats und nervösen Rhythmen aufwartet, oder das an Dead Can Dance erinnernde 'Wrap Your Arms Around Me', das einen unheimlichen Trip durch die düsteren Klangwelten des Albums bietet. Die intensiven Beats und schroffen Klangwände in 'Full of Fire' spiegeln die brennende Intensität wider, die das Album durchzieht. Diese Stücke bieten Ankerpunkte inmitten der komplexen Soundlandschaften.
Andere Songs wie das experimentelle 'Raging Lung' oder das fordernde 'Stay Out Here' verlangen einem deutlich mehr ab. 'A Cherry on Top' oder das 19 Minuten lange 'Old Dreams Waiting to Be Realized' dringen in avantgardistische Sphären vor, die von einer fast schmerzhaften Langsamkeit und Wiederholung durchzogen sind. Diese Klangexperimente sprengen die Grenzen konventionellen Songwritings und setzen auf ein tiefes, meditatives Erleben von Klang und Stille. Hier verliert man sich in den Rissen und Brüchen der Geräuschkulisse. The Knife reizen hier die technischen Möglichkeiten des Studios bis an ihre Grenzen aus und schaffen überlange Soundklumpen, die oft mehr einer Herausforderung gleichen als einem klassischen Song. Diese Herangehensweise formt "Shaking The Habitual" jedoch zu einem der kreativsten und forderndsten Alben der letzten Dekade - ungemütlich, unbequem und gleichzeitig visionär.
Nicht nur die klangliche Radikalität begeistert, auch die Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Themen. Geschlechterrollen, Machtstrukturen und Umweltfragen werden subtil in die musikalische Struktur eingewoben.
Das Album hat sicherlich seine Längen, und es ist keine leichte Aufgabe, sich durch die fast schon labyrinthischen Strukturen zu bewegen. "Shaking The Habitual" zwingt einen, sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen - es fordert, es drängt, es zieht einen hinein in seine eigenwillige, manchmal beunruhigende Welt. Dieses Album zeigt, dass The Knife sich in einer künstlerischen Phase befanden, in der sie sich vollständig von jeglichen Konventionen losgelöst haben. Sie setzen alles daran, den Hörer aus der Komfortzone zu holen. Dabei entsteht eine Klangkulisse, die sich wie eine apokalyptische Vision einer Welt anfühlt, die auseinanderbricht und neu geformt wird - manchmal verstörend, manchmal befreiend. Es gibt Momente des Lärms, der Leere, der Fülle und der Stille.
Trotz oder gerade wegen dieser Herausforderungen ist "Shaking The Habitual" ein bemerkenswertes Werk. Es ist ein Album, das sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt, sondern die Hörgewohnheiten auf eine harte Probe stellt. Es ist nicht darauf ausgelegt, den Erwartungen zu entsprechen, sondern sie zu durchbrechen. Die radikale Natur dieses Albums und der Mut, mit dem The Knife es geschaffen haben, machen es zu einem der spannendsten und unvergesslichsten Werke der 2010er Jahre.




