Donnerstag, 8. Februar 2024

Niden Div. 187 - Impergium

 

 

 

 

 

 

 










NIDEN DIV. 187 aus Schweden veröffentlichten 1997 eines der kompromisslosesten und hasserfülltesten Black-Metal-Alben der 90er-Jahre: Impergium. Dabei findet man im Line-up Musiker von DAWN, REGURGITATE oder sogar IN FLAMES, ohne jedoch auch nur an diese Bands zu denken, wenn man diesem infernalischen Sturm primitivster Black-Metal-Kunst lauscht.

26 Minuten lang wird gnadenlos geknüppelt und gesägt, dabei gibt es kaum ruhige Momente, und der fantastisch minimale Sound unterstützt die berserkerhafte Stimmung hervorragend. Staubtrockenes Drumming (besonders die prägnante Snare), gnadenlose Riffs und ein keifender Kreischgesang bilden das Fundament dieses schwarzen Bollwerks.

Teilweise erinnert Impergium sogar an IMMORTALs „weißes Album“, was besonders an dem maschinell klingenden Drumsound liegt. Erstaunlich ist auch, wie NIDEN DIV. 187 es schaffen, in dem gnadenlosen Geprügel immer wieder leicht hymnische Melodien und packende Hooklines einzufügen.

Musikalisch ist Impergium mit kaum einem anderen Black-Metal-Werk zu vergleichen; allein der spezielle Sound betont die starke Eigennote der Band. Das typisch Schwedische lässt sich jedoch sofort heraushören, auch wenn NIDEN DIV. 187 abwechslungsreicher und intensiver prügeln als zum Beispiel DARK FUNERAL und dabei nicht die Melodien in den Vordergrund stellen.

Auch die peitschenden Riffs sind sehr abwechslungsreich und teilweise gewöhnungsbedürftig, und die leicht hymnische Aura auf dem Album lässt Impergium aus der Masse der Knüppelorgien made in Sweden herausstechen. Was Bands wie spätere MARDUK, DARK FUNERAL oder SETHERIAL bis zum Erbrechen wiederholten, erreichten NIDEN DIV. 187 bereits mit nur einem Album – gnadenlose Brutalität auf das Nötigste reduziert und überzeugend dargeboten.

Wer etwas auf die genannten Bands hält, sollte sich unbedingt mit diesem Album beschäftigen.

Samstag, 28. August 2021

Mystifier - Göetia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Die Brasilianer MYSTIFIER haben mit ihren ersten beiden Alben Wicca (1992) und Göetia wahre Klassiker des Black Metal erschaffen. Besonders das zweite Meisterwerk Göetia ist bis heute in seiner morbiden und finsteren Atmosphäre ein kaum erreichtes Machwerk in der Black-Metal-Szene. Black Metal klingt bei MYSTIFIER natürlich etwas eingeengt, denn die Musik klingt völlig einzigartig. Völlig unbeeindruckt von der skandinavischen Szene zelebrieren MYSTIFIER ihren völlig „exotischen“ Sound, der sich eher am Death Metal orientiert.

Herausgekommen ist ein fiebriges Gemisch aus Death Metal, Doom und Black Metal, abwechslungsreich und gnadenlos überzeugend dargeboten. Die sakrale Atmosphäre und die einzigartige, herausstechende Stimme von Asmodeus tragen das Album von der ersten bis zur letzten Minute. Blastbeats und sägende Gitarren findet man im Sound von MYSTIFIER nur sehr selten. Man bewegt sich zum großen Teil im Midtempo bis hin zum finsteren Doom.

Die fantastischen Riffs und die okkulten Keyboardeinschübe sind ebenfalls auf ihre Art völlig anders – MYSTIFIER erschaffen mit ihrem Sound eine völlig eigene Spielart des Black Metal. Ohne wildes Gekeife, Schrammelorgien und Drumgepolter schaffen es MYSTIFIER, dunkler, bedrohlicher und überzeugender zu klingen als 80 % der skandinavischen Helden.

Das nachfolgende dritte Album The World Is So Good That Who Made It Doesn't Live Here, welches 1996 erschien, überraschte mit gewöhnungsbedürftigen Vocals, mehr Melodien und einem etwas gezügelten Songwriting. Musikalisch ist es mit Sicherheit das ausgefeilteste und interessanteste Werk der Brasilianer, an die morbide Stimmung der ersten beiden Alben konnte The World Is So Good That Who Made It Doesn't Live Here aber nicht mehr anknüpfen.

Für mich bleibt Göetia nach wie vor eines der beeindruckendsten Werke der Black-Metal-Szene. Inhaltlich, musikalisch wie auch atmosphärisch gehört dieses Werk zu den intensivsten Abfahrten in die Unterwelt. Welchen Einfluss MYSTIFIER mit ihren ersten beiden Alben auch heute noch ausüben, lässt sich an vielen aktuellen Bands aus dem Underground erkennen.

Freitag, 27. August 2021

Decade of Obsession 2010 - 2019 (2014)

2014

Electric-Six-Human-Zoo

# 10 Electric Six - Human Zoo

Das bereits zehnte Album von Electric Six bietet nicht nur wieder jede Menge Hits, diesmal wurde auch mehr experimentiert. Der direkte, dick produzierte Rock von "Zodiac" wurde etwas zurückgefahren, dafür gibt es wieder vereinzelt elektronische Spielereien und leichte Anleihen aus dem Funk. Die Songs wirken auf den ersten Blick etwas zurückhaltender, entfalten sich aber bei mehrmaligem Hören zu großartigen Rocknummern.

Bomben wie das verträumte 'Satanic Wheels', die Elektro-Funk-Tanzübung 'The Afterlife', der trockene Rocker 'Worst Movie Ever' oder das übertriebene „epische“ 'I’ve Seen Rio in Flames' sind wieder typische Electric Six-Nummern, wie sie nur diese Band schreiben kann. Es ist ein solides Rockalbum, das zwar nicht ganz an die früheren Werke heranreicht und auch ein paar Füllnummern bereithält, aber besonders durch die tollen Texte wieder zu begeistern weiß – und dabei die etwas ziellose und zerfahrene "Esoteric Warfare" von Mayhem in den Schatten stellt.

Darkspace-III-I

# 09 Darkspace - III I

Darkspace gehen ja nicht gerade zimperlich mit ihrem eigenwilligen Sound um. Die Musik erinnert dabei eher an eine unidentifizierte Schwarzmasse und kennt weder konventionelles Songwriting noch greifbare Harmonien. “III“ von 2008 gehört nach wie vor zu den besten Vertonungen der unendlichen Weltraumtiefen und bekommt mit “III I“ einen etwas „zugänglicheren“ Bruder an die Seite gestellt.

Das Album ist ein brutal drückendes Sternenkommando, welches mit seinem irrationalen Drumcomputer, dem im Hintergrund als fiese Monsterfratze agierenden Gekreische und den verwaschenen Riffs massiv die letzten Hirnaktivitäten stranguliert. Dieser über alles abherrschende, um den Verstand bringende Sequenzer-Block in 'Dark 4.19', der mit einer Strahlenkanone erzeugt wird, ist einfach nicht zum Aushalten. Wie kommt man nur auf solche außergewöhnlichen Töne? Das ist schon fast keine Musik mehr – das ist eine bewusstseinserweiternde Astralwanderung auf einem verlassenen Horrorkreuzer im Maßstab 1.000.000:1.

Das Album ist ein einziger Sog, nicht ganz so drückend wie der Vorgänger, aber immer noch eine erschreckend dichte klangliche Masse, die diesmal sogar schon fast zu gut produziert wurde und wieder massenweise SOUND auffährt.

Aphex-Twin-Syro

# 08 Aphex Twin - Syro

Nach 13 Jahren veröffentlichte Richard David James sein sechstes Album, und meine Erwartungen waren ziemlich hoch. Herausgekommen ist ein relativ leichtes Werk – kaum verstörend, ziemlich harmonisch und sogar leicht poppig. Die Hektik der Vorgängeralben ist auf “Syro“ kaum vorhanden; James verliert sich fast im Easy Listening, doch die typische Aphex Twin-Zerfahrenheit steckt auch hier in fast jedem Song – wenn auch auf eine untypisch sanfte Art.

Dennoch sind die Loops, Breaks, Beats, Sequenzen, Rhythmen und Melodien wieder penibel ausgearbeitet. Sie kratzen jedoch leider nur an der Oberfläche dessen, was Aphex Twin normalerweise ausmacht. Dabei hat das Album so viele schöne Melodien zu bieten, glänzt mit einem warmen Sound und ist durchgehend spannend. Ein tolles Werk, das sicherlich zu den elektronischen Highlights in diesem Jahrzehnt zählt, mich aber leider nie wirklich ausnahmslos begeistern konnte.

Einstürzende-Neubauten-Lament

# 07 Einstürzende Neubauten - Lament

Kein musikalisches Album, dafür ein spannendes und interessantes Werk über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es gibt sehr wenige eigentliche Songs, dafür viele gesprochene Worte und eine extrem bedrückende und beklemmende Stimmung. Ein Kunstwerk, das auch so verstanden werden möchte und aufzeigt, dass die Neubauten nach wie vor zu den künstlerisch wertvollsten deutschen Bands gehören. Mehr möchte ich zu diesem Moloch auch nicht schreiben.

Mastodon-Once-More-'Round-The-Sun

# 06 Mastodon - Once More 'Round The Sun

Was wurde überall über dieses Album gemeckert und gleichzeitig Lobeshymnen darauf gesungen. "Ausverkauf", "Massentauglichkeit", "Mainstreamankunft" und "Stadion-Rock-Refrains" schrie man der Band entgegen. Ja, Mastodon haben einige Zauberhits auf dem Album, die Songs sind eingängiger und die Melodien großartiger. Neben den tollen unterschiedlichen Gesangseinlagen und der Oberschicht-Produktion sind aber nach wie vor die typischen Mastodon-Trademarks wie das knallige Drumming und die herrschenden Riffs vorhanden, nur alles in einer gemäßigten und weiterentwickelten Form. Viel zu viel abgestandene Scheuklappen-Fan-Luft um ein formidables Album einer der interessantesten und innovativsten Bands der ("neuen") Heavy Metal Musik.

Prong-Ruining-Lives

# 05 Prong - Ruining Lives

Heavy, modern, stimmig, groovy – ein unendlicher Fluss an Melodien, Tanzbein-Harmonien und die irren Tafelwerk-Gitarrenriffs von Tommy Victor. Eigentlich ist das ganze Werk ein komplettes Hitalbum, und eine moderne Produktion hat genau so zu klingen. Ein brodelnder Fünf-Sterne-Eintopf aus Knallersongs und für mich ganz eindeutig eines der besten Alben im Heavy-Bereich des Jahres 2014.

The-Great-Old-Ones-Tekeli-Li

# 04 The Great Old Ones - Tekeli-Li

Eine kleine Überraschung lieferten die Franzosen mit ihrem zweiten Werk, was ich nach dem unscheinbaren Vorgänger so nicht erwartet hätte. Die (langweilige) Post-Black-Metal-Ausrichtung des Vorgängers wurde hier mit einer gewaltigen Portion Brachialität aufgehübscht. Die Songs sind griffiger, die Gitarren schroffer, und die Kompositionen leben von den dezenten Dissonanzen. Teilweise erinnert das Album sogar stark an das legendäre Dead as Dreams von Weakling aus dem Jahr 2000, kommt dabei aber geordneter und einfacher komponiert schneller auf den Punkt.

Die Franzosen erzeugen nebenbei eine wunderbare Atmosphäre, lassen genügend Raum für die Breitwandgitarren, verknüpfen Post-Black-Metal-Vibes mit rasendem Schlagzeug und frostigen Riffs und verlieren sich auch gerne in komplexeren Songstrukturen. Das Gesamtergebnis klingt höllisch intensiv, besticht mit einer ausgewogenen Produktion und bietet einiges zu entdecken in den überlangen Songs. Moderner Black Metal mit Köpfchen und (leider) auch besser als alles, was die beiden französischen Kreativwunder Blut Aus Nord und Deathspell Omega nach 777 - Cosmosophy bzw. Paracletus abgeliefert haben.

The-War-On-Drugs-Lost-in-the-Dream

# 03 The War On Drugs - Lost in the Dream

Es gibt Alben, die sind so gut, dass sie bereits nach dem ersten Ton sofort als Meisterwerk identifiziert werden und keine großen Worte benötigen. Adam Granduciel geht auf Lost in the Dream noch zwei Schritte weiter als auf dem bereits hervorragenden Vorgänger und vereint die großartigsten Momente von Springsteen, Dylan und den Dire Straits hier so perfekt zu einem eigenen Sound, dass man einfach nur staunend von den Songs überwältigt wird.

Alles an dem Werk ist stimmig, perfekt ausgearbeitet und fantastisch in Szene gesetzt. Die grandiose atmosphärische Gitarrenarbeit, das bodenständige Drumming, die sagenhaften Melodien und Refrains, die kompositorische meisterhafte Reife, die verträumte Stimmung und das abwechslungsreiche Songwriting sind es, was Lost in the Dream schlussendlich zu einem der besten Rockalben dieser Dekade erleuchten lässt.

Dead-Congregation-Promulgation-Of-The-Fall

# 02 Dead Congregation - Promulgation Of The Fall

Promulgation Of The Fall ist für mich nicht nur das beste Death-Metal-Album des Jahrzehnts, sondern auch der lang ersehnte Thronfolger zu Gateways to Annihilation und mein persönliches Heavy-Metal-Werk des Jahres 2014. Leider hat dieses Monster viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Fehlt der "Plastik" in der Produktion? Die heimlich eingeschmuggelten Trinkhörner im Outfit? Klingt das Schlagzeug vielleicht zu unnatürlich natürlich? Liegt es am lächerlichen Herkunftsland der Band? Ist der Sound nicht übersteuert genug? Sind es die muffigen und höllischen Gitarrenriffs, die auf Bodybuilder-'n'-Goldkettchen-'n'-Penisbegradigung-Zirkustheater verzichten?

Promulgation Of The Fall hat alles, was ich noch am Death Metal mag. Ich war fast erstarrt, als mich die ersten Snare- (wie großartig dieses Herzstück der Musik hier auf dem Album klingt!) und Bassdrumanschläge in Only Ashes Remain getroffen haben. Es fühlt sich an, als ob der Drummer sämtliche Schlagzeugkomponenten nach mir wirft, und die beiden Fußmaschinen der Bassdrum direkt am Skrotum montiert sind. Wenn dieses menschliche Drummonster komplett ausflippt, bricht förmlich ein barbarischer Sturm aus. Was für eine teerschwarze Wand an Druck, Höllenenergie und Zerstörung.

In dem Song Nigredo herrscht in den ersten Sekunden eine schier unglaubliche Panzerschlacht auf Speed. Gewaltige Drumfontänen treiben ätzende Todesriffs bis an die Spitze der Bösartigkeit. Das gnadenlose Serpentskin, das Säure verspritzende Immaculate Poison oder Schisma – der für mich mächtigste und erdrückendste Gewaltakt auf diesem Werk, mit seinem Verstand-auslöschenden Mittelteil – sind Todesschwadronen, die in der Lage sind, Leben zu eliminieren.

Dead Congregation haben für mich mit dieser todesmetallischen Dämonenbrutstätte das gewaltigste Extremwerk in diesem Jahrzehnt veröffentlicht. Es liefert den Beweis, dass eine lebendige, spürbare und am eigenen Leib vollführte Exekution nichts weiter benötigt als erschlagende Songs, unkontrollierte Gewalt, eine natürliche Produktion und eine unverfälschte, eingefangene und schlicht unmenschliche Energie.

Swans-To-Be-Kind

# 01 Swans - To Be Kind

Wie beschreibt man ein Album, das so massiv, gewalt(ät)ig, laut, intensiv, verstörend, explosiv, erniedrigend und in jeder Sekunde unmenschlich perfekt ist, dass es für mich persönlich Grenzen überschritten hat und als das einzig wichtige und wertvollste Album dieser Dekade gilt? Ein Werk, das zugleich die größte Evolution der Rockmusik der letzten 20 Jahre darstellt? Michael Gira hat hier 121 Minuten lang die pure Hölle vertont. Der Mann ist mittlerweile über 60 Jahre alt und offenbart der Menschheit seit über 30 Jahren die vielleicht verstörendste, abgrundtiefste, schmerzerzeugendste, gewaltigste und von Ängsten zerfressene Musik, die jemals erschaffen wurde.

To Be Kind ist ein Monster – ein von Michael Gira persönlich gezüchtetes Ungetüm aus brachialen Dissonanzen, meditativen Wiederholungen in quälend endlosen Minuten, durchbohrenden Eskapaden an erschlagendem Lärm und Chaos, aufgewühltem Gitarren-Psychoterror und nervenzerfetzender Schlagzeugpräsenz. Jeder Takt schmerzt bis zum Erbrechen, jenseits der Vorstellungskraft. Gleichzeitig ist das Album aber auch von einer unglaublichen „Schönheit“ gezeichnet, die sich in Melodien und Harmonien offenbart, so abtrünnig und erhaben düster, dass man sie erst nach mehrmaliger Qual in dem Chaos und der Lautstärke entdeckt. Vielleicht ist das die besondere, einzigartige Größe dieses Kunstwerks.

Gira schafft auf To Be Kind eine unglaublich stimmige Kombination aus lebensfeindlichem Krachchaos und denkwürdigen Melodien, die in dieser Perfektion auf keinem anderen Album in der Rockmusik zu finden ist. Das ist zwar nicht unbedingt neu im Sound der Swans – ihre Alben ab Children of God (1987) waren immer schon mit dieser Besonderheit ausgestattet, mal mehr, mal weniger – aber Gira perfektioniert diese Kombination auf seinem großen Monument, dass es keinen vergleichbaren Sound gibt.

Die Swans kreieren nicht einfach nur schwere, komplexe, abschreckende und schwer verdauliche Musik, die für viele Menschen schon gar nicht mehr als Musik wahrgenommen wird. Sie schicken den Hörer auf eine körperliche Reise, wenn man sich in der Welt von Michael Gira verliert und sich auf all die Pein und Schmerzen einlässt. To Be Kind ist viel mehr als nur Musik: Es ist eine Erfahrung, eine eigene Welt, eine schwierige Aufgabe. Es ist gnadenlos fordernd, man wird nicht an die Hand genommen, der Künstler und die Kunst verweigern jedem sofortigen Zugang, und es ist grausam – sehr grausam. Hässlichkeit und Abneigung dominieren das Album.

Und als ob die schier unglaublich intensive Manie der Musik nicht schon ausreichen würde, ergreift Gira höchstpersönlich das Höllenzepter. Mit seinem wahnsinnigen Gesang, der vor nichts zurückschreckt, öffnet er den Abgrund für den Hörer. Seine manischen Schreie, die entgegengeschleuderten und wiederholten Wortfetzen und die gewohnt abgründigen Texte sind bewusst roh und verletzend gehalten. Doch zwischen all den kaputten, selbstzerstörerischen Kakophonien wird man von ruhigen und überwältigenden Melodien aufgefangen, nur um dann doch wieder das metaphorische Messer in den Rücken gerammt zu bekommen.

To Be Kind ist nicht einfach ein weiteres berauschendes und brutales Stück Seelenmord von den Swans – To Be Kind war und ist für mich ein nahezu völlig neues Hörerlebnis. Es ist ein Werk von unfassbarer Brillanz, getragen von einer perfekten musikalischen Leistung aller Beteiligten, und ein vernichtender, auslöschender Anschlag auf die Menschlichkeit. Ein emotionales Ausbrennen.

Freitag, 4. Oktober 2019

Decade of Obsession 2010 - 2019 (2013)

2013


# 10 Paysage d'Hiver - Das Tor

Das eigentümliche Projekt um den Schweizer Wintherr, der nebenbei noch bei Darkspace für die Inspektion zuständig ist, bringt seit 1998 in regelmäßigen Abständen zerknitterte und unwiderstehliche Demos auf den Markt. Mit einer Verschmelzung von eiskaltem Black Metal-Gerumpel, dichten und massiven Ambient-Collagen, minutenlangen Wind-, Schnee-, Regen- und Sturm-Sound-Schnipseln und einfachsten Telefunken-Record/Play-Aufnahmen schuf sich Wintherr seine eigene Nische. Dass gerade dadurch diese Faszination für das Projekt bei mir ausgelöst wird, ist keine Selbstverständlichkeit.

Wintherr versucht erst gar nicht, spielerisch zu begeistern, sondern fährt den denkbar „abstoßendsten“ Sound und bietet auf jedem Demo zähe und monotone Songs jenseits der 10-Minuten-Grenze. Das Geheimnis der Kompositionen liegt im extrem kreativen Geschick, mit dem Wintherr die Songs ausschmückt. Es poltern wunderschöne Melodien durch kratzige Lärmeskapaden, die sorgfältig und stimmungsvoll eingesetzten Samples sitzen immer an der richtigen Stelle, und man wird von plötzlichen Geigen überrascht. Die erzeugte kalte Atmosphäre, durch den gewaltigen Ambientdruck und den sägenden Gitarrensturm, unterscheidet sich erfreulich eigenständig von der Genreverwandtschaft, und der im Hintergrund agierende Kreischgesang zieht sich wie Gefrierbrand durch den Sound.

Im Grunde zelebriert Wintherr urreinen Black Metal ohne neuzeitlichen Firlefanz und Pomp. Alleine dafür lohnt es sich immer wieder, sich auf diese Eiskerker-Poesie einzulassen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

# 09 Gary Numan - Splinter (Songs from a Broken Mind)

Der Pionier der elektronischen Musik hat mit seinem 2013er Werk “Splinter (Songs from a Broken Mind)” einen großartigen Elektro-Kracher abgeliefert, der leider ziemlich unterging. Ausgetüftelte, fast schon radiotaugliche Elektro-Pop-Nummern im starken Rock-Kostüm werden mit einer dicken und sehr modernen Produktion präsentiert. Numan schafft es auf “Splinter...” einige „laute“ Hits in den ansonsten sehr elegischen Albumfluss zu platzieren, die nur so mit den typischen Numan-Melodien um sich werfen. Dass seine Stimme nicht mehr ganz so extravagant wie in den späten Siebzigern und Achtzigern klingt, passt hervorragend zur düsteren Ausrichtung des Albums.

Der Sound des Albums erinnert stark an den “Dark City” Soundtrack, auf dem Numan mit ‘Dark‘ seine eigene Blaupause für die moderne Ausrichtung lieferte. Generell kann man sagen, dass der neue Numan ernster, düsterer und kraftvoller klingt als seine frühen Pionierarbeiten, die zwar immer noch wunderbar attraktiv sind, in der heutigen Zeit aber auch ziemlich handzahm wirken.

Ein außergewöhnlicher Künstler und einflussreicher Musiker hat sich mit diesem Album auf die richtige Weise in die Moderne integriert. Der 2017er Nachfolger ist dabei ähnlich stark, dazu aber später mehr.

Fates-Warning-Darkness-In-A-Different-Light

# 08 Fates Warning - Darkness In A Different Light

Fast zehn Jahre nach dem letzten Album “FWX” haben Fates Warning 2013 mit “Darkness In A Different Light” das erste Album mit dem neuen Drummer Bobby Jarzombek veröffentlicht. Und das ist auch mein großes Problem mit dem Album. Einen Mark Zonder zu ersetzen, ist schlicht unmöglich – besonders, wenn ein Schlagzeuger so immens wichtig für den Stil und Sound einer Band ist. Die Alben mit Zonder gehören nicht ohne Grund zur Heavy-Metal-Überelite, was eben auch auf das ultrafiligrane, gewitzte, grenzenlos anspruchsvolle, hyperabwechslungsreiche und eben nicht typische Metal-Drumming zurückzuführen ist.

Jarzombek ist ein typischer Metaldrummer, der auch gerne mal auf "progressiv" macht und technisch überzeugen kann, aber er zerprügelt mit seinem krachigen Metal-Stil und dem kolossal nervigen Bassdrum-Geklapper (was so gar nicht zum Sound der Band passt) das ganze Album und macht es mir auch heute noch madig. Wohingegen Zonder die Doublebass dezent und mit Bedacht sowie Können eingesetzt hat und lieber mit einer perfekten Ein-Fuß-Technik Staunen verursachte, trampelt Jarzombek gnadenlos auf die Pedale und kaschiert damit die nicht zu überhörenden Defizite in seinem begrenzten Spiel. Warum Matheos das durchgewunken (und auch auf dem Nachfolger zugelassen) hat, ist mir bis heute ein Rätsel.

Das mag jetzt zu überheblich und unfair klingen, aber bei so einem Personalwechsel kann ich das einfach nicht überhören. Mark Zonder ist nicht ohne Grund mein Lieblingsschlagzeuger.

Und die Songs? Wieder mehr metallisch, weniger verträumt, keine experimentellen Electronica mehr. Matheos spielt seine Gitarre wieder härter und Ray Alder singt wie immer überragend. Es dauerte eine Weile, bis ich mich mit dem Album zufriedengab. Fates Warning können zwar nicht wirklich schlecht abliefern, aber der Nachfolger ist dennoch das ausgereiftere und bessere Werk mit Jarzombek.

Deafheaven-Sunbather

# 07 Deafheaven - Sunbather

Das fetzigste Krach-Album des Jahres 2013 haben die Kalifornier Deafheaven mit ihrem sonnengetränkten Album “Sunbather” veröffentlicht. Mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Black Metal-Raserei, Shoegaze, bunten Melodien und epischen Post-Rock-Fragmenten haben Deafheaven nicht nur im positiven Sinne für Aufsehen gesorgt. Doch wer unvoreingenommen und offen der Musik begegnet, wird mit dem besten „Sommeralbum“ des Jahres 2013 belohnt.

Kerry McCoy zaubert aus seiner Gitarre sagenhafte Melodien und Harmonien, während er gleichzeitig rasende Riffwände in den Sound einarbeitet. Daniel Tracy am Schlagzeug liefert eine unfassbar grandiose Leistung ab, indem er sich an abwechslungsreichen und schwungvollen Patterns austobt. George Clarke schreit sich mit seinem kraftvollen Gesang durch die dichte Sounddecke.

Die beinahe übermütig geschickte und gekonnte Kombination der unterschiedlichen Stile, die mächtige Melodievielfalt, die blumigen Harmonien, die klirrenden Gitarrenriffs, das denkwürdige Drumming und die hervorragende Songwriting-Qualität sind auf “Sunbather” so harmonisch verwoben, dass das Album bis heute zu den besten Metal-Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre zählt.

The-Knife-Shaking-The-Habitual

# 06 The Knife - Shaking The Habitual

Das finale und letzte Album der schwedischen Geschwister Karin und Olof Dreijer ist ein schwer verdaulicher und kaum fassbarer Monolith aus harschen Elektrobeats, zermürbendem Drone, vertrackten Rhythmen, geisterhaften Sounddesigns, unkonventionellen Songaufbauten und experimenteller Freiheit. Nach all den Jahren und dem eisernen, schmerzhaften Willen, das über zweistündige Werk zu durchdringen, hat es mich irgendwann um den Verstand gebracht und mir doch Zutritt gewährt.

Nichts ist mehr auf diesem Album vorhanden, was The Knife mit ihren zwei erfolgreichen, fast schon poppigen Vorgängeralben bekannt gemacht hat. Auch von Karins Solo-Projekt Fever Ray gibt es keine vertrauten Noten zu hören. Alles wird gegen den Strich musiziert, nachvollziehbare Strukturen gibt es kaum – doch in seiner abstoßenden Wirkung passt alles zusammen. Man benötigt viel Zeit, sehr viel Zeit, um in dieses Werk einzutauchen.

Es gibt ein paar Songs, die leichter zugänglich sind, wie die verstörende, wummernde Attacke ‘Full of Fire‘ mit ihren massiven, drückenden Beats oder der an Dead Can Dance erinnernde Trip ‘Wrap Your Arms Around Me‘. Der Rest ist jedoch harte Arbeit, und The Knife reizen mit ihren überlangen Soundklumpen oft die technischen Möglichkeiten des Studios aus. Die große Stärke des Albums liegt darin, dem Hörer einiges abzuverlangen und ihn dabei zu zwingen, sich intensiv mit der Musik zu beschäftigen.

Das muss man nicht mögen, aber genau das trifft mein Nervenzentrum. Deswegen zählt es für mich zu den kreativsten und forderndsten Alben dieser Dekade.

David-Bowie-The-Next-Day

# 05 David Bowie - The Next Day

Genau zehn Jahre nach dem letzten Album "Reality" meldete sich Bowie mit einem starken Alterswerk zurück. "The Next Day" gehört zwar nicht unbedingt zu den ganz großen Highlights seiner Karriere, traf aber 2013 einen Nerv bei mir, sodass ich sofort mit dem Album warm wurde.

Bowie hat auf dem Album jede Menge guter (Pop-) Rock-Songs platziert, an denen er zwei Jahre lang gearbeitet hat. Mit einer Armada großartiger Musiker im Rücken und einer kongenialen Produktion gesegnet, konnte ohnehin nicht viel schiefgehen. Besonders schön ist, dass er sich erneut Tony Levin, den bekanntlich weltbesten Bassmeister, ins Boot geholt hat. Seine typischen und unwiderstehlichen Basslinien sind wie gewohnt eine wichtige Komponente im Gesamtsound.

Dass Bowie sich hier nicht neu erfindet und Altbewährtes bietet, ist völlig egal, da auf "The Next Day" einfach viele gute Songs enthalten sind, die sich an Bowies reichhaltiger Diskografie bedienen. Manche Tracks erinnern an die kreative Hochphase der Siebziger, andere an die Experimentierfreude der Neunziger, und zwischendurch findet sich der Pop-Appeal der Achtziger wieder. Bowie hatte merklich Spaß an dem Album, was man deutlich heraushört.

Es gibt viel Raum für die einzelnen Musiker, die Melodien sind locker und klar, Bowie singt immer noch hervorragend, und der Albumfluss ist fantastisch. "The Next Day" ist ein tolles Album, das ich immer noch gerne und oft auflege.

Dass es Bowies vorletztes Album sein würde, hätte man sich 2013 nicht ausgemalt – doch es kam völlig unerwartet anders. Drei Jahre später verabschiedete sich Bowie mit einem Paukenschlag, und eine der einflussreichsten und wichtigsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit war plötzlich nicht mehr.

Arcade-Fire-Reflektor

# 04 Arcade Fire - Reflektor

Warum an diesem Album so viel herumgemeckert wurde, kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Ein wenig Disco im Sound, ein Mainstream-Produzent und eine leicht elektronischere Ausrichtung – und schon geht der gemeine Fan auf die Barrikaden. Ja, die drei Vorgänger waren besonders, das dritte Album sogar überragend, aber "Reflektor" ist so schön „durchgestylt“ und hervorragend in Szene gesetzt, dass es für mich sogar der bisherige Höhepunkt in der Karriere der Band ist.

Der warme, basslastige Sound und die wie gewohnt talentierte Kunst der Band, großartige Songs zu schreiben, werden auf "Reflektor" auf die Spitze getrieben. Es fehlen vielleicht die ganz großen emotionalen Momente der Vorgänger, doch dies wird mit der unterschwelligen, düsteren Atmosphäre sehr clever ausgeglichen.

Einzig die Länge des Albums hätte etwas kürzer ausfallen können, da man anfänglich etwas überfordert mit dem Sound dasteht und von den vielen Spielereien und Ideen förmlich erschlagen wird. Dennoch gehört "Reflektor" zu den wichtigsten Popkultur-Alben dieser Dekade, das 2013 nur noch von einem anderen Album in den Schatten gestellt wurde.

Nick-Cave-&-The-Bad-Seeds-Push-The-Sky-Away

# 03 Nick Cave & The Bad Seeds - Push The Sky Away

Jahrelang war ich beinharter Verfechter der alten Boys Next Door und besonders von The Birthday Party. Mit Nick Cave & The Bad Seeds nach "Tender Prey" habe ich mich jedoch immer schwergetan. Das ist natürlich kompletter Schwachsinn, aber mir gefielen die rohen, geisteskranken und fulminanten Post-Punk-Alben nun mal viel mehr – das ist eben meine musikalische Baustelle.

In den letzten Jahren habe ich endlich mit den späteren Alben meinen Frieden geschlossen und viele Großartigkeiten entdeckt. "Push The Sky Away" gehört dabei sogar zu den ganz großen Alben, was ich auch erst später erkannte. Der minimalistische Instrumentaleinsatz, die sehr sphärischen Klänge, Texte über Sex und Tod und natürlich die großartige Stimme von Nick Cave – all das macht das Album einzigartig.

Alles auf diesem Werk tanzt um die Stimme, Cave kreiert dabei stets eine anziehende Spannung und eine poetische Atmosphäre. Die Songs sind großartig konstruiert und befinden sich in einem stetigen Schwebezustand. Alles auf dem Album ist perfekt ausgearbeitet, bietet so viele Details und ist mit seiner zurückhaltenden Art eines der großen musikalischen Meisterwerke dieses Jahrzehnts.

Daft-Punk-Random-Access-Memories

# 02 Daft Punk - Random Access Memories

So ein Album wie "Random Access Memories" erscheint nicht einfach so, zwischen anderer (nur) guter Musik. Es macht einem unmittelbar klar: Kunstwerk! Solche Meisterwerke wurden vielleicht in den 60er bis 90er Jahren häufiger veröffentlicht – Musik aus höheren Dimensionen, die begeistert und Millionen erreicht, ohne dabei auf den Kern der Sache zu verzichten: unbeschreiblich gute Musik mit Seele und Feeling, liebevoll mit Zeit(!) konstruiert, ohne dabei die Massen bloß abzufertigen und ruhigzustellen.

Schon allein dieser warme, natürliche Sound ist heute eine Seltenheit. Jeder Song, jeder Ton, jedes Tribut, all diese Klangfarben, diese Virtuosität, dieser bombastische Traumzaubersound(!) – Melodien, die einen schier ersticken lassen, 70er-Schweiß, 80er-Ästhetik, 90er-Vibes – bodenständiger Größenwahnsinn. Es ist schlichtweg das Album des Jahrzehnts!

Cultes-Des-Ghoules-Henbane, ...or-Sonic-Compendium-of-the-Black-Arts

# 01 Cultes Des Ghoules - Henbane, ...or Sonic Compendium of the Black Arts

Henbane war zweifellos das nächste große Monument im Black Metal, seit Meisterwerken wie Anthems to the Welkin at Dusk, OM, Fas - Ite, Maledicti, in Ignem Aeternum, The Work Which Transforms God, Thorns und vielleicht noch Rain upon the Impure – ein astrales Wunder der Nacht. Hier wird gar nicht erst versucht, musikalisch zu überzeugen oder mit experimentellen Spielereien zu beeindrucken. Stattdessen bleibt die Musik roh, ungefiltert und dringt direkt in das tiefste Innere vor. Für Menschen wie mich, die sich einfach nur verlieren wollen: Macht, Finsternis, Unbehagen, Schmerz und Pein – lebendiger Geisteswahn und Gestank.

Cultes Des Ghoules kreieren hässliche Musik, unsauber gespielt, unromantisch produziert, hoffnungslos schrullig und zu tief in der Vergangenheit grabend. Die Musik ist anstrengend und unepisch-episch zugleich. Oh, welche Freude, welch Herrlichkeit – das ist Black Metal, Intensität bis ins Knochenmark.

Gesanglich ist es die "beste Leistung" des Jahres 2013. Es klingt, als ob Mortuus in einem Irrenhaus in Jerusalem von Mel Gibson in einer Zwangsjacke getauft wurde, während Xavier Naidoo versucht, ihn durch das Singen beruhigender Lieder zu besänftigen. Danach wird er in den polnischen Ostblock des Jahres 1983 gebeamt. Der Fluxkompensator hat alles möglich gemacht und bei der Taufe das Elend und die Qual dieser Stimme aufgezeichnet. Perfekt!

Das ist übertrieben gut, was hier gesanglich passiert. Mein ganzer Respekt gilt dieser kreativen, fast schon theaterhaften Leistung. Man muss es hören und fühlen – es lässt sich nicht beschreiben. Marek Górecki muss eindeutig Satans persönlicher Hofdichter sein. Denkmalschutz für diese Gesangsaufnahme!

Dann diese stumpfen Riffs, die sich durch den Sound fressen. Der fiese Gitarrensound – stumpf, roh, leblos, brodelnd, kaputt und staubig. Das Gequietsche und die Wechselgeräusche der Schlaghand sind deutlich zu hören – so muss das! Und dann dieser furchterregende Bass, der immer präsent ist, manchmal im Vordergrund, dann wieder lauernd im Hintergrund, aber immer da, wie eine dämonische Fratze des Nachtmahres, die dich anstarrt. Fürchterlich! Und immer wieder diese pappige Snare. Die Produktionskosten lagen vermutlich bei 13 Zloty – mehr braucht’s auch nicht, um den besten Sound seit Under a Funeral Moon zu erschaffen.

Übelkeit, Fieber, schweißgebadete Alpträume, juckende Pickel, Eiterbläschen und eine saftige Vorhautverengung – das alles bekommt man von diesem Sound. Mit The Passion of a Sorceress hat man auf dem Black Metal-Album dieses Jahrzehnts einen der zehn besten Songs der letzten 20 Jahre festgehalten. Danke, Mel Gibson und Xavier Naidoo, dass es euch gibt!

Das letzte Mal, dass ich mich so klein unter meinem Kopfhörer gefühlt habe, war bei meiner nächtlichen Entjungferung durch The Work Which Transforms God. Dieses Album ließ mich damals (und auch heute noch) ängstlich unter mein Bett schauen, als die Musik eines Irren die schwarze Nacht in ein schweißgebadetes Fiebertrauma verwandelte. Das war so ein Moment, in dem ich es nicht wagte, die Schlafzimmertür offen stehen zu lassen, und mich in die Mitte meines Bettes bewegte, um dann in absoluter Angststarre den halboffenen und plötzlich fürchterlichen Kleiderschrank anzustarren. Dabei liefen mir bei einer Nachttemperatur von 6°C listig ätzende Schweißbäche in die Augen. Hat sich da gerade etwas im Kleiderschrank bewegt?

Mein Patrick Star-Schlafanzug war komplett durchnässt und vermochte es nicht mehr, den Schweißfluss von zehn Bauarbeitern aufzunehmen. Mir war heiß und kalt zugleich. Der saure Schweiß verdampfte kühl und vermischte sich mit einer anderen, leicht bitteren Flüssigkeit, was eine Tunke des Ekels unter mir bildete. Aber nach dem dritten Mal machte es Spaß – ein Fetisch war geboren.

Und genau so einen denkwürdigen Moment habe ich mit Henbane durchlebt. Da mag mir noch einer sagen, Black Metal sei etwas für Loser, Bettnässer, pickelige Scheiteldeutsche, Ranzgruppen, Ü-30-Jungfrauen und Lehrer. Das ist er, der große Black Metal Klassiker dieser Dekade!

Samstag, 24. August 2019

Decade of Obsession 2010 - 2019 (2012)

2012

Rush-Clockwork-Angels

# 10 Rush - Clockwork Angels

Die alten Herren und ihr vermutlich letztes Album. Fünf Jahre nach dem eher schwachen Snakes & Arrows schafft es die Band, noch einmal ein überdurchschnittlich gutes Werk abzuliefern. Auch wenn die Großtaten aus den Siebzigern und Achtzigern natürlich unerreichbar bleiben, ist Clockwork Angels das beste Album seit Counterparts.

Dass ich mit den „neueren“ Rush nicht so viel anfangen kann, ändert auch Clockwork Angels nicht, allerdings landet es doch ab und an im Player. Der Grund dafür sind wohl die (wieder vermehrt) guten Melodien und das starke Songwriting. Der „raue“ Rocksound, der weiterhin bestimmend ist, stört mich komischerweise bei dieser Band – ich mag Rush lieber smooth und mit Vokuhila-Keyboards. Aber das ist ganz allein mein Problem.

Die Songs sind grandios gespielt und produziert, auch wenn es mir an manchen Stellen zu metallisch kracht. Sollte es tatsächlich das letzte Album der Band sein, haben sie es geschafft, eine fast makellose Discographie mit diesem Werk zu einem würdigen Ende zu bringen. Im Bereich Rock gibt es kaum eine andere Band, die so viele qualitativ hochwertige Alben veröffentlicht hat wie die drei Kanadier.


Japandroids-Celebration-Rock

# 09 Japandroids - Celebration Rock

Die zwei Wunderkanadier zelebrieren ihre Rockmusik genau so, wie man sie lieben sollte: laut, krachig, auf den Punkt, durchdacht, leicht punkig und mit einem Gespür für großartige Melodien. Das zweite Album ist zwar nicht mehr ganz so rau und ruppig wie Post-Nothing mit seinem traumhaften Snare-Sound, bietet aber wieder das gleiche Maß an energiegeladenen und dreckigen Männermelodien für die „Unterschicht“.

Es ist eine Freude, dem Zusammenspiel von Schlagzeug und Gitarre beizuwohnen und dabei an die guten alten Hüsker Dü erinnert zu werden. Es wummst und fetzt an allen Ecken, die Produktion ist fantastisch, der Sound zum Niederknien und die Songs sind so gut, dass man sich ernsthaft fragt, wie zwei Leute das so grandios hinbekommen. Als gnadenloser Detroit-Rock-Worshipper habe ich die Band natürlich schon mit dem Debüt in mein Herz geschlossen. Ursprünglicher kann man Rockmusik kaum spielen.


Dordeduh-Dar-de-Duh

# 08 Dordeduh - Dar de Duh

Nachdem 2009 die Band Negură Bunget zerfiel und die beiden kreativen Köpfe Hupogrammos und Sol Faur mit ihrer neuen Band Dordeduh weitermachten, verkam Negură Bunget zu einer austauschbaren Humpa-Band. Mit den drei Nachfolgern zu dem Meilenstein OM lieferten sie unglaublich uninspiriertes Material ab, das schließlich durch den frühen Tod des verbliebenen Drummers Negru ein Ende fand und die Band sich von selbst auflöste.

Lange hat es gedauert, bis das erste Dordeduh-Album schließlich fertig war, und so erschien Dar de Duh zwei Jahre nach der eher leichtfüßigen EP Valea Omului im Jahr 2012. Anfangs tat ich mich mit dem etwas klinischeren Sound und der geschliffeneren Produktion schwer, fand dann aber nach jedem Hören immer tiefer in das Werk hinein. Und auch hier wird wieder unglaublich viel geboten: von der Vielschichtigkeit der Instrumentalisierung, den großflächigen Keyboardsounds, der eigenwilligen Gitarrenarbeit bis hin zum abwechslungsreichen Gesang und dem sagenhaften atmosphärischen Teppich.

Auffällig ist auch der mittlerweile technisch gereifte Gesang, der auf dem Album eine zentrale Rolle einnimmt. Hupogrammos kreischt, growlt, flüstert und singt mit normaler Klarstimme, als ob es nie anders gewesen wäre. Die Songs sind nicht mehr so stark verschlossen und rätselhaft wie auf OM, bieten dafür aber eingängigere Riffs und zugänglicheres Songwriting. Natürlich konnte man nicht erwarten, dass hier ein ebenbürtiger OM-Nachfolger entsteht, aber wenn man sich an die ruhigere und weniger komplexe Herangehensweise gewöhnt, ist Dar de Duh viel mehr der inoffizielle Nachfolger als die letzten drei Alben von Negură Bunget.

Einzig das saubere und zu gekonnte Schlagzeugspiel stört mich immer noch und passt nicht wirklich zu dem urigen und kauzigen Stil – da passte das krumme und leicht schräge Gerumpel von Negru eindeutig besser zum Sound. Der Nachfolger lässt nun auch schon fast acht Jahre auf sich warten, soll aber wohl bereits seit diesem Jahr in Arbeit sein. Es wäre wirklich schade, wenn man von diesen beiden überaus talentierten Musikern nichts mehr zu hören bekommt.


Tame-Impala-Lonerism

# 07 Tame Impala - Lonerism

Das zweite Album von Kevin Parker knüpft direkt an das Debüt an und begeistert mit Psychedelic Rock und starkem Beatles-Einschlag. In seinem Heimstudio kreierte der Australier einen Sound, der direkt aus den späten Sechzigern entsprungen zu sein scheint. Einfache, aber knackige Schlagzeugbeats, Hall, Verzerrungen, Effekte, Synthesizer-Fantasien, kratzige Übersteuerungen, drogenvernebelte Gesangsparts und eine fantastische, dünne Gitarre bestimmen das Klangbild. Vieles erinnert an die psychedelische Phase der Beatles – wirkt jedoch in der heutigen Zeit fast schon eigenartig und aus der Zeit gefallen.

Die kreative Gestaltung von Sound und Songs sowie das bemerkenswerte musikalische Talent von Kevin Parker lassen bereits erahnen, was 2015 mit dem epochalen Meisterwerk Currents folgen wird. Lonerism ist auch gleichzeitig Balsam für die Ohren, wenn man sich fragt, warum viele heutige Produktionen einfach nur noch künstlich und unerträglich klingen.


Dead-Can-Dance-Anastasis

# 06 Dead Can Dance - Anastasis

16 Jahre nach dem letzten Album Spiritchaser fanden Lisa Gerrard und Brendan Perry endlich wieder zusammen, und Anhänger der Band beteten weltweit zum Himmel. Auch ich begab mich in die Fötusstellung und zitterte dem Veröffentlichungstermin entgegen. Und nun ja, anfangs war ich schon herb enttäuscht. Eine Band, die mit ihren Alben Musikgeschichte schrieb, sound- und produktionstechnisch sogar Größen wie Pink Floyd oder Peter Gabriel übertraf, und die mit jedem Album überraschte und neue Klangwelten erschuf, kam mit einem „auf Nummer sicher“-Album daher.

Viel schlimmer noch: Die Produktion entspricht nicht dem hohen Qualitätsstandard der Band und setzt zu sehr auf Elektronik und Studiospielereien. Ich habe mittlerweile meinen Frieden mit dem Album gefunden, vor allem nach dem phänomenalen Live-Erlebnis 2012 in München, und mich intensiver damit beschäftigt. Lässt man die Kritikpunkte außen vor, bleibt immer noch ein intensives Hörerlebnis mit einem Brendan Perry in Hochform und einigen versteckten Hits.

Dass Lisa Gerrard auf dem Album etwas zu kurz kommt, lässt vermuten, dass Perry den größten Teil des Albums im Alleingang geschrieben hat. Auch die Ähnlichkeit zu seinem zwei Jahre zuvor erschienenen Solo-Album ist nicht zu überhören, hier jedoch aufgedonnert mit der typischen DCD-Soundwand. Dass das Album dennoch hätte besser ausfallen können, zeigen die Live-Qualitäten der Songs, denn diese kommen im „natürlichen“ Umfeld viel besser zur Geltung. Aber auch hier gilt wieder: Brendan Perry ist und bleibt die beste Stimme im Musikzirkus.


Dødsengel-Imperator

# 05 Dødsengel - Imperator

Was die beiden Norweger Kark und Malach Adonai mit diesem Mammutwerk 2012 auf die Menschheit abgefeuert haben, entzieht sich jeglicher Beschreibung. Nach dem bereits vorzüglichen Vorgänger überspannten die Norweger die Grenzen so weit, dass alles in sich zusammenfiel und daraus ein abartiger Sound entstand, der die frühe 90er Black Metal-Phase genauso bedient wie die mittlere experimentelle Welle à la Ulver, Arcturus oder Fleurety und gleichzeitig die Moderne kongenial integriert. Herausgekommen ist ein zweieinhalbstündiges Monster, das eine ungeheure Aufmerksamkeit voraussetzt und den Hörer quält und fordert – aber auch nach vielen Stunden begeisternd zurücklässt.

Nach dem unheilvollen Intro wird man mit Sun on Earth erst mal entbeint. Der nackte Wahnsinn peitscht mit unkontrollierten Psycho-Gitarrenriffs, schepperndem Schlagzeug und Rosinengesang die verkrustete Hirnrinde frei. Radikaler Wahnsinn in jeder Note. Die Norweger zelebrieren über die gesamte Spielzeit ein abwechslungsreiches Stimmungsmonument, das durch die unglaubliche Gesangsakrobatik von Kark dirigiert wird. Die intensive Besessenheit des Albums ist bis heute einzigartig, die Kompositionsstärke eine fast schon ausgestorbene Kunst des norwegischen Black Metal, und der grandiose Sound ist genau der richtige Mittelweg aus Tradition und Moderne.

Hätte ich es nicht bereits beim Vorgänger erkannt, hätte ich nie für möglich gehalten, dass nach einer so langen Durststrecke noch einmal eine so gewaltige Black Metal-Eruption aus Norwegen kommen könnte. Dødsengel haben mit Imperator nichts weniger als einen Meilenstein des Genres veröffentlicht, der endlich wieder die volle Größe der vergangenen Tage ohne Spinnweben in die Szene manifestiert hat.


Deftones-Koi-No-Yokan

# 04 Deftones - Koi No Yokan

Das 2012er Werk ist neben Saturday Night Wrist meine liebste Deftones-Platte und knallt trotz seiner eher ruhigeren Machart und dem leider zu stark komprimierten Sound an allen Ecken und Kanten. Die melancholische Stimmung steht im perfekten Kontrast zur brachialen Songdarbietung mit all ihren wuchtigen Bassgewittern und den krachigen, melodischen Gitarrenriffs, die durch das punktgenaue und grandios abwechslungsreiche Drumming zusammengehalten werden. Über all den lauten und leisen Momenten thront Chino Moreno mit seinem zutiefst intensiven und variablen Gesang, mit dem er jedem Song eine eigene Stimmung aufdrückt.

Dass die Band leider immer noch von vielen in die Nu Metal-Ecke gesteckt wird, ist bei all der musikalischen Qualität von Alben wie Diamond Eyes, Saturday Night Wrist oder Koi No Yokan nicht mehr nachvollziehbar. Wie gut laute und moderne Rockmusik zu klingen hat, kann man anhand der genannten Alben bestaunen.


Blut-Aus-Nord-777-Cosmosophy

# 03 Blut Aus Nord - 777 - Cosmosophy

Das Ende der 777-Trilogie ist gleichzeitig das beste Album neben und seit The Work Which Transforms God – ein Album, das ich so überhaupt nicht erwartet habe. Vindsval verzichtete auf dem dritten Teil fast vollständig auf Kreischgesang und setzt stattdessen auf Klargesang, dominiert die Songs mit noch mehr Electronica und entfesselt Melodien, die mir noch heute den Verstand rauben. Jedes Mal frage ich mich, wo zum Teufel der Franzose seine unerschöpfliche Kreativität und Ideen hernimmt. Das Tempo ist schleppend, die hymnische Gitarrenarbeit ungewöhnlich klar und melodisch, die Harmonien nachvollziehbar und wunderschön – alles, was man eigentlich nicht mit dem typischen, irrlichternden Horror-Sound von Blut Aus Nord in Verbindung bringt.

Und es funktioniert so perfekt miteinander: Der typische Blut Aus Nord-Sound ist in jeder Sekunde präsent, hier jedoch so fein und offen, dass man sofort Zugang zur Musik findet. Dass die komplexe und abweisende Stimmung dennoch dem Hörer einige Hindernisse in den Weg stellt, ist der größte Coup, den Vindsval bisher in seiner Karriere abgeliefert hat. Das Werk ist ein Sammelsurium an spacigen Gitarrenharmonien, die direkt aus den Weiten des Alls zu kommen scheinen, wilden Breaks und rhythmischen Vertracktheiten aus dem Drumcomputercockpit sowie malerischen Keyboard-Feierlichkeiten. Der sensationelle Aufbau der einzelnen Songs ist so stimmig, spannend und „überheblich“, dass man fast zu dem Schluss kommen muss, dass 777 - Cosmosophy irgendwo im Weltall produziert wurde. Einen ähnlichen Trip wie bei Epitome XVII habe ich selten erlebt. Für mich ist sicher: Dieses Werk gehört zu den besten (Black) Metal-Alben dieser Dekade und ist in all seiner Herrlichkeit eines der phantasievollsten Alben der letzten Jahre.


Swans-The-Seer

# 02 Swans - The Seer

Das erste „richtige“ Swans-Album seit 1996 ist zugleich der Auftakt der drei Doppeldecker-Meisterwerke in Folge. Nachdem sich die Schwäne 2010 nach 14 Jahren wieder in einer neuen Reinkarnation zusammenfanden und mit dem Album My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky noch eher nach Michael Giras Soloarbeiten klangen, eröffneten die Swans zwei Jahre später mit The Seer ihre kompromisslose und apokalyptische Weltverschiebung.

„Your childhood is over“ wird im Opener ‘Lunacy‘ als düstere Prophezeiung gepredigt – und die musikalische Reise in die Welt des Schmerzes und der hypnotischen Wiederholungen beginnt. Die neuen Swans sind laut, sehr laut – Gira beansprucht seine Gitarre bis an die Grenze der Machbarkeit, prügelt auf die Saiten ein und entlockt dem Instrument Töne, die sich ins Fleisch brennen. Das Schlagzeug ist groovend und brachial, die Produktion versetzt den Hörer mitten in den Höllenlärm. Gira versteht es dennoch wie kaum ein anderer, ruhige und leise Parts in den Krach einzuflechten, sodass man sich inmitten der unerbittlichen Mischung aus Noise, Folk, Psychedelic und Krautrock mehr als einmal an seine Grenzen gebracht fühlt.

Die Musik ist schwer, drückend, anstrengend und oft schmerzhaft langgezogen, doch belohnt wird man immer wieder mit kleinen, versteckten Melodien und Harmonien, die einen aus dem Delirium holen. Gira setzt auf ein großes Instrumentenrepertoire, darunter Steel Guitar, Mandoline, Klarinette, Dulcimer, Akkordeon, Cello, Hörner, Bagpipe, Violine, Piano, Synthesizer und verschiedene Percussion. Diese Vielfalt erzeugt eine massive Klangwelt, die für die neuen Swans steht – eine Band, die auf ihre lange Karriere zurückblickt und sich aus jeder Phase bedient, um einen völlig neuen Sound zu kreieren.

Michael Gira verstärkt mit seinem schamanenhaften Predigergesang die „Hässlichkeit“ der Swans. Auf The Seer noch etwas zurückhaltend, entfesselt er auf den folgenden Alben seine unbändige Giftsuppe aus Wörtern und unterschiedlichen Stimmlagen, die den Hörer oft an seine Schmerzgrenzen bringt. The Seer ist das ruhigste Werk der drei Doppelalben, doch unter der Oberfläche brodelt bereits ein unüberhörbares Inferno. Einige Songs sind noch nicht völlig ausgereift und suhlen sich in quälend langen Parts – aber das gehört zu den Swans dazu. Da muss man durch.

Ein erschütterndes Meisterwerk ist The Seer dennoch: Die kompromisslose Intensität, die nervenaufreibenden Wiederholungen und die brachiale Gewalt der Songs sowie die Vielzahl an Stimmungen und die cleveren Songaufbauten nehmen vieles vorweg, was zwei Jahre später mit dem kolossalen To Be Kind zur ausgereiften Größe in die moderne Rockgeschichte eingehen wird.


Lunar-Aurora-Hoagascht

# 01 Lunar Aurora - Hoagascht

Das letzte Album der Rosenheimer gehört mit zum Besten, was der deutsche Musikmarkt im neuen Jahrtausend zu bieten hat. Hoagascht ist so beängstigend perfekt, dass ich es auch heute immer noch nicht wahrhaben möchte, dass das Kapitel Lunar Aurora beendet ist. Die Rosenheimer singen auf ihrem Schwanengesang im strengen urbayrischen Dialekt, verwandeln dies in hörbare Kunst und verabschieden sich mit einem Werk, das so einzigartig in der (Black) Metal-Landschaft steht und bis heute zu den großartigsten Alben gehört, die ich aus diesem Genre gehört habe.

Mir ist kein anderes Album der letzten Jahre bekannt, das so stimmig und gleichzeitig so komplex im Sounddesign und Aufbau ist. Die erzeugte Atmosphäre ist schlichtweg nicht in Worte zu fassen: kunstvoll eingesetzte Keyboards, die überwältigen; umwerfende Melodien von übergroßer Schönheit; ein herrlich uriger Sound; ein perfekt programmierter Drumcomputer; sensationell harmonische, schwebende Riffs und ein Songwriting, das zum Niederknien ist.

Jeder Song ist ein Kunstwerk für sich. Die darin enthaltenen Ideen und Soundkreationen sind unfassbar ausgereift, und die verträumte Atmosphäre ist so gut eingefangen, wie ich es auf kaum einem anderen Album je so intensiv erlebt habe.

Dass das eigentliche Abschiedswerk Andacht schon ein Ausnahmemeisterwerk war, macht es umso erstaunlicher, dass Lunar Aurora mit Hoagascht die Qualität nochmals steigern konnten. Besser hätte die beste deutsche Black Metal-Band nicht abtreten können. Mit ihren Alben nach der Jahrtausendwende haben die Bayern ausschließlich Meisterwerke geschaffen, die ich persönlich zu den besten Alben des Black Metal-Genres zähle – und Hoagascht ist nichts weniger als ein perfektes Wunder.