Donnerstag, 11. Januar 2018

The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

The-Beatles-Sgt.-Pepper's-Lonely-Hearts-Club-Band

Muss man wirklich noch über dieses Werk Worte verlieren? Ein Album, das wie kein anderes für die Entwicklung der Popmusik hin zu komplexen und durchdachten Kreativsongs steht. Bereits der Vorgänger Revolver vereinte quasi schon alles, was 1967 in Vollendung perfektioniert wurde. Die Musik wurde endlich erwachsen, die (Pop-)Songs dienten nicht nur zur Unterhaltung, sondern verlangten vom Hörer mehr: Konzentration, Hingabe, Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Liebe und Begeisterung. Es ist umso erstaunlicher, dass die Beatles mit ihren durchschnittlich zweieinhalb Minuten langen Songs wahre Leitfäden in Sachen Songwriting, Arrangement, Melodieführung und Komplexität kreierten.

Auch die flüssigen Übergänge innerhalb der Songs waren von revolutionärer Bedeutung, das ganze Album hat einen unfassbaren Flow. Sicherlich gibt es einige merkwürdige Momente auf Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band – nicht jeder Song sitzt zu 100 %, aber als Gesamtwerk betrachtet ist es dieses Album, das musikhistorisch betrachtet das zentrale und wichtigste Werk für die Entwicklung der Rock- und Popmusik darstellt. Der Einfluss ist eigentlich gar nicht mit Worten auszudrücken; man muss kein Fan sein, um zu erkennen, dass dieses Album zu den wichtigsten Weltereignissen der 60er-Jahre gehört – und so etwas gab es in dieser Form danach nie wieder.

Montag, 8. Januar 2018

Halbe Treppe

Halbe-Treppe

Regie: Andreas Dresen, 2012

Der Film zeigt halb-dokumentarisch das Leben zweier Ehepaare, die in Frankfurt (Oder) ihren tristen und eintönigen Alltag meistern. Beide Paare sind befreundet: Chris, der als Radiomoderator arbeitet, und seine Frau Katrin, die beim Zoll an der polnischen Grenze beschäftigt ist, sowie Uwe, der eine Imbissbude betreibt, und seine Frau Ellen, die in einer Parfümerie arbeitet.

Uwe und Ellen leben stilecht in einer kargen Wohnblockgegend und haben sich nur noch wenig zu sagen. Uwe opfert sich voll und ganz für seinen Imbiss auf, während Ellen sich eine neue Küche und vor allem eine Dunstabzugshaube für die viel zu kleine Küche wünscht. Chris und Katrin haben ebenfalls eine Ehe mit Spannungen. Chris' Tochter aus erster Ehe taucht unangemeldet mit ihrem Freund in der Wohnung auf („Das ist doch hier keine Absteige“), was zu Konflikten führt.

Als Chris und Ellen eine Affäre beginnen, stehen die vier Freunde emotional am Abgrund. Der Film erzählt keine klassische Geschichte, sondern zeigt den ganz normalen deutschen Alltag – und das auf so ausdrucksstarke und gefährlich realistische Weise, wie es selten in einem deutschen Film zu sehen ist. Die Schauspieler improvisieren zu 90 %, es gibt nur wenige Vorgaben, und das funktioniert so herrlich absurd und urkomisch, weil man diese Situationen zu 100 % aus dem eigenen Leben kennt. Nichts wird beschönigt – es ist das wahre Leben in (Ost-)Deutschland, das hier gezeigt wird.

Dies hätte leicht schiefgehen können, aber die fantastischen Hauptdarsteller, insbesondere der überragende und fürchterlich authentische Axel Prahl, liefern eine schlichtweg glaubwürdige und lebensnahe Leistung ab. Der Film ist unglaublich lustig, ohne auf Gags oder Klamauk zu setzen, sondern getragen von Situationskomik und absurden Handlungen. Beispiele hierfür sind die Suche nach Hans-Peter, dem entflohenen Wellensittich von Uwe und Ellen im Wohnblock-Hinterhof, oder der Besuch im Küchenstudio, als Uwe und Ellen die Rolltreppe hochfahren. Auch die ostdeutschen Dialoge und Sprüche tragen zum Witz bei.

Doch neben den komischen Momenten gibt es auch tragische Szenen voller Tristesse und Existenzängste. Andreas Dresen greift alltägliche Sorgen und den Wahnsinn des Lebens auf, oft nur angedeutet, und lässt Raum für eigene Gedanken. Trotz der teils tragischen Grundstimmung läuft der Film locker und leicht ab.

Viele der dargestellten Situationen kommen einem erschreckend bekannt vor, auch aus meiner eigenen Kindheit. Ich konnte mich vollkommen mit den Hauptfiguren identifizieren und habe selten so herzlich gelacht und mit den liebevoll gezeichneten Charakteren mitgelitten. Durch und durch ein herrlich DEUTSCHER Film!

Sonntag, 7. Januar 2018

Lunar Aurora - Elixir of Sorrow

Lunar-Aurora-Elixir-of-Sorrow

LUNAR AURORA waren eine der ersten Bands, über die ich zum Black Metal gefunden habe. Den Weg von LUNAR AURORA verfolge ich bereits schon seit dem "legendären" Debüt Weltengänger, welches 1996 veröffentlicht wurde und gleichzeitig auch eines der ersten Black Metal-Alben war, das ich mir auch direkt in diesem Jahr ins Haus geholt hatte.

Damals war die Rede von dem wohl bisher besten Black Metal-Album aus Deutschland. Jung, naiv und mit geschwollener Brust vertraute ich damals in jeder Anzeige, in jedem Review und in jeder Beschreibung der Mailorder diesen Aussagen. Dass diese Aussagen zu 95 % niemals das hielten, was sie versprachen, war mir damals noch eher egal, und somit war neben den ganzen neuen, aufregenden und spannenden Alben jede Menge Schund und Pein dabei, was ich allerdings meistens auch erst im fortgeschrittenen Alter nach und nach erkannt habe.

Solche üblen Bands wie AEBA, ANDRAS, DUNKELGRAFEN, MYSTIC CIRCLE und ähnliches Geröll und Müll wurden damals angepriesen, als gäbe es keinen Morgen mehr. Ausnahmen waren da die erträglichen EMINENZ (bis Anti-Genesis), FALKENBACH, die genialen NAGELFAR und BETHLEHEM und eben LUNAR AURORA.

Mit LUNAR AURORA hat es sozusagen begonnen, mein Interesse wurde geweckt und ich verlor mich immer weiter in dieser Musik. Alles, was nach Black Metal aussah, wurde gekauft.

Neben dem Debüt von LUNAR AURORA kamen natürlich sofort und fast zeitgleich viele Klassiker (man hat sich ja auch nebenbei extrem belesen und überall informiert) dazu, die dem Album Weltengänger natürlich den Reiz nahmen. Somit beschäftigte ich mich mit ENSLAVED, IMMORTAL, EMPEROR, BURZUM, MAYHEM, DARKTHRONE, SATYRICON, LIMBONIC ART, ARCTURUS und HELHEIM und beachtete lange Zeit Weltengänger überhaupt nicht.

Zudem hatte mich die Musik damals überhaupt nicht begeistern können. Bis auf den grandiosen Opener Grabgesänge langweilte mich das Album eigentlich durchgehend.

2001 entdeckte ich LUNAR AURORA für mich komplett neu. Die beiden Nachfolger Seelenfeuer und Of Stargates and Bloodstained Celestial Spheres habe ich übersprungen und mir erst später nachgekauft. Bis zu diesem Zeitpunkt waren LUNAR AURORA für mich nichts weiter als eine durchschnittliche Black Metal-Band aus Deutschland, die zwar schon erkennen ließen, dass sie sich deutlich von dem üblichen Schund abgrenzen, was sich damals im Underground aus Deutschland herumgetrieben hat, mich aber nicht gerade begeistern konnten.

2001 wurde Ars Moriendi veröffentlicht, und LUNAR AURORA waren für mich eine komplett neue Band. Kalt, roh, komplex, brutal, eigenwillig, vernebelt, mystisch und mit den typischen LUNAR AURORA-Keyboards und Texten. Das war eine andere Band als auf den drei Vorgängern, eine Band, die eigenständigen und verdammt erstklassigen Black Metal aus Deutschland produzierte.

Ars Moriendi ist bis heute das wohl urigste und ungeschliffenste Werk von LUNAR AURORA, komplett schwarz und betörend. Kleine Meisterwerke wie das wuchtige Dämonentreiber, das beängstigende und gespenstische Kältetod mit seinen unterschwelligen Synths, das abgefuckte und reduzierte pechschwarze Black Aureole (geh’ ich heute noch kaputt, wenn der rotzige Taktwechsel einsetzt und die Snare so herrlich poltert) und natürlich Geist der Nebelsphären, sind bis heute Black Metal-Perlen aus Deutschland.

Aber selbst dieses bereits fantastische Album verblasst gegen die Alben, die noch folgen sollten. Und mit Elixir of Sorrow erschien 2004 dann auch ein wahres Meisterwerk. Black Metal aus Deutschland hat mit diesem Album meiner Meinung nach den besten Beweis, dass LUNAR AURORA die wichtigste und beste Black Metal-Band aus Deutschland waren.

Das ganze Album ist ein vollkommen schwarzer Strudel in die Dunkelheit, ein Orkan von hymnischen Songstrukturen, hasserfüllten Gitarrenriffs, zermürbenden Bassläufen, intensiven Synthflächen, trostlosen und kalten Melodien sowie interessanten Texten, die sich meilenweit von den üblichen Huldigungen von Satan, dem einschläfernden Christenhass und dem neumodernen Suizidgeheule abgrenzten.

Wie von einem Nebel verschleiert, kommt der garstige und knurrige Gesang unaufdringlich aus dem Hintergrund der Musik. Wirre Taktwechsel, unerwartete Tempowechsel, Zwischenspiele, Samples, Raserei und rohe Eleganz bilden den natürlichen Sound, der durch eine unspektakuläre, aber völlig passende Produktion abgerundet wird.

Schon das bedrohliche Intro Einsamkeit und Dunkelheit mit seinen Chören und Samples, Tiergeräuschen, Beckenrasseln und düsteren Glockenschlägen erzeugt eine ganz eigene Stimmung, bevor es dann direkt in Zorn aus Äonen übergeht. Hymnisch, kalt, rasend – ein perfekter Auftakt mit Keyboards, die direkt aus einer unbekannten Dunkelheit stammen. Schon fast spacig verdunkeln die vereinzelten Keyboardpassagen den stürmischen Auftakt.

Augenblick erstreckt sich über 12 Minuten mit eigenwilligem Tempo, Taktwechseln und eigenartigen Gitarrenriffs, die eine Monotonie heraufbeschwören und trotzdem immer eine gewisse Anmut ausstrahlen.

Mit Kerkerseele geht es dann gerade mal eben in diesen. Dunkel, feucht, modrig rumpelt sich der Song durch knapp 7 Minuten. Wieder wird diese typische Stimmung erzeugt, die so eigen für LUNAR AURORA ist. Die Atmosphäre, die die Bayern erzeugen, ist das typischste Merkmal im Sound von LUNAR AURORA. Musikalisch ist die Musik hörbar reduziert, aber was mit den Instrumenten, Synths, Samples und dem Gesang in Verbindung mit dem Text erschaffen wird, ist so mitreißend, nimmt einen gefangen und besitzt eine berauschende Wirkung. Auch die kurzen Zwischenspiele tragen dazu bei.

Das alles überragende und mächtige Hier und Jetzt ist vielleicht der für mich stimmigste und erhabenste Black Metal-Song, den eine Band seit 1990 komponiert hat. Allein der poetische und ausladende Anfang, der sich ganze viereinhalb Minuten Zeit lässt, bis der Gesang einsetzt, ist eines der mächtigsten und größten Ereignisse der Black Metal-Szene. Traumhafte Keyboards tanzen zusammen mit traurigen Gitarrenriffs und einem monotonen Schlagzeug in den Sonnenuntergang hinein. Und wenn die akustische Gitarre anfängt zu "singen", schwebt man förmlich in die Nacht hinein. Wer bei dem Song nichts fühlt, sollte gleich einen großen Bogen um LUNAR AURORA machen und am besten weiterhin die Finger vom Black Metal lassen.

Es sind solche Momente, solche Songs, die die Faszination auf mich ausüben, die ich so nur im Black Metal finde. Komplett frei von Hetze und dummen "lyrischen" Ergüssen erzeugen die Rosenheimer eine knapp 12-minütige Gefühls- und Stimmungsabfahrt, die so ergreifend und direkt ist, dass man kaum noch Luft bekommt.

Und wenn dann dieses Monument von einem Black Metal-Album mit so einem grandiosen Ambientstück wie Irrlichter ausklingt, bin ich manchmal in der Lage zu behaupten, dass Elixir of Sorrow das beste Black Metal-Album ist, welches in meinem Besitz ist.

An anderen Tagen ist es dann wieder Zyklus mit seinen vier eiskalten Epen (Der Abend!), die mich schockgefrostet zurücklassen. So eine Kälte und Leere haben sogar die großen Norweger niemals produziert. Sogar das etwas "schwächere" Mond gehört immer noch mit zu den besten Black Metal-Alben aus Deutschland.

Und die beiden Abgesänge der Band Andacht und Hoagascht haben einen Ehrenplatz in meinem Herzen. Jedoch unterscheiden sich diese beiden Werke extrem von der mittleren Phase der Band. Aber wenn man LUNAR AURORA beschreiben soll, kann man nur verzweifeln, denn eine der bedeutendsten Eigenschaften dieser Band ist, dass kein Album wie das andere klingt. Jedes Werk hat seinen eigenen Sound, seine eigene Stimmung, seine eigenen Songstrukturen, sein eigenes Songwriting und seine eigene Atmosphäre.

Wer Andacht mag, kann mit Elixir of Sorrow z. B. große Probleme haben. Das Gesamtwerk von LUNAR AURORA gehört für mich zum Besten, was der Black Metal hervorgebracht hat, und die Rosenheimer sind vielleicht sogar die wichtigste Black Metal-Band für mich. Gerade deswegen fällt es mir auch so schwer, die Musik und das Besondere der Band in Worte zu fassen. Es ist auch eine sehr persönliche "Beziehung" mit der Musik von LUNAR AURORA, die ich auch nicht wirklich erklären kann. Vielleicht ist es auch diese ganze Maskerade, die bei LUNAR AURORA eben nicht stattfindet, diese Bodenständigkeit und diese Finsternis, die ohne Satan und Symbolik auskommt.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Neurosis - A Sun That Never Sets

Neurosis-A-Sun-That-Never-Sets

Neurosis sind in meinen Augen die wichtigste und bedeutendste „neumoderne“ Metal-Gewalt. Seit dem Klassiker "Souls at Zero" von 1992 veröffentlicht die Band ein Meisterwerk nach dem anderen.

Nachdem der vorläufige Höhepunkt mit dem Monster "Through Silver in Blood" 1996 erreicht wurde, entwickelte sich die Band immer weiter und schlug immer öfter ruhigere (aber nicht minder gewaltige) Töne an. Diese fanden schließlich ihren Höhepunkt in dem, meiner Meinung nach, absoluten Meisterwerk der Bandgeschichte – und auch einem der Top 10 Alben der 00er Jahre – "A Sun That Never Sets". Dieses Album, von Steve Albini gottgleich in Szene gesetzt, ist eine knapp 70-minütige Katharsis für alle hackfleischhassenden Zerhacker.

Nie klang eine Gitarrenwand mächtiger, nie gab es maskulineren Gesang zu hören, und nie wieder wurde ich so brutal in den Abgrund gezogen. Die Gitarren von Scott Kelly und Steve Von Till auf diesem Werk sind in meinen Ohren das Nonplusultra, was an Macht und Zerstörung in diesem Genre bisher erzeugt wurde. Eine Anhäufung von Männerriffs und schmerzenden Harmonien, die den Weltniedergang herbeirufen.

Allein das eröffnende Trio 'Erode', 'The Tide' und 'From The Hill', welches 20 Minuten lang ein Gefühlsuniversum aufbaut, aus dem man nicht mehr ausbrechen kann, vergiftet jegliche Hörgewohnheit. "A Sun That Never Sets" besitzt nur solche Momente. Es ist ein Eigenleben, ein Großereignis für das Nervensystem – schlicht der gewaltigste und intensivste Output mit lauten Gitarren und Energie nach der Jahrtausendwende.

Dienstag, 2. Januar 2018

Tom Waits - Swordfishtrombones

Tom-Waits-Swordfishtrombones

Tom Waits gehört als einer der bedeutendsten Musiker unserer Zeit in jedes Lexikon. Seine bis heute 16 regulären Studioalben sind untereinander so unterschiedlich, vielseitig, entdeckungsfreudig, anspruchsvoll und auch des Öfteren (sehr) schwierig, eigenwillig, hässlich und wohltuend unkonventionell, dass man alleine über jedes einzelne Werk Nachschlagewerke niederschreiben könnte.

Ähnlich wie David Bowie – auch wenn der Vergleich stark hinkt – ist Herr Waits ein musikalisches und bissiges Chamäleon, für den es keine Grenzen gibt. Polka, Jazz, Avantgarde, Rock, Folk, Blues, Zamzara – all das und noch viel mehr kann man in der großen Waits-Welt für sich entdecken und lieben lernen.

Es gibt zwei, drei "eingängige" und leichtere Einsteigerwerke wie sein wohl bekanntester Klassiker "Rain Dogs" oder das traumhafte Debüt "Closing Time", doch die wirklich dicken Fettaugen in der Waits-Suppe findet man nur, wenn man sich intensiv auf die Musik und auf die Lyrik/Geschichten einlässt – das ist bei Herrn Waits von höchster Wichtigkeit – und darin versinkt. "Swordfishtrombones" gehört für mich dabei zu seinen besten Arbeiten aus den Achtzigern, wobei es immer schwer ist, bei Tom Waits seinen Liebling herauszufiltern.

Tom Waits ist neben Frank Zappa der mir einzig bekannte Musiker, der es zu "Weltruhm" geschafft hat, obwohl man sich seine Musik hart erarbeiten muss. Ist er der letzte große noch lebende Künstler der Musiklandschaft?