Dienstag, 26. Dezember 2017

Leviathan

Leviathan
Regie: Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel, 2012

Was der Film bewirkt, kann und ist:
  • 3D? So nah und intensiv am und im Geschehen ist man in keinem 3D-Film, nicht heute und auch nicht in der Zukunft! Der Film degradiert dieses "hippe Phänomen" mit seiner perfekten Bildhandwerkskunst zu einem bloßen Gimmick.
  • Der unfassbare SOUND! So nervenzehrend und abgrundtief einschüchternd wie das langsame Ertrinken auf dem Ozean. Einen so intensiven Sound habe ich bei keinem "normalen" Film bisher erlebt.
  • Ich könnte mir vorstellen, dass der Film bei einigen Leuten Seekrankheit hervorrufen könnte – das Kino oder Sofa wird zum stinkenden Meereskutter.
  • Bilder von unglaublicher Intensität: Sie wirken nach und bleiben sehr lange im Kopf. Man könnte sogar sagen, dass sich manche Bilder regelrecht einbrennen. Ein fröhliches Würgen könnte beim Genuss dieser Eindrücke ein ständiger Begleiter sein. Die Szene mit den Plattfischen zum Beispiel hat mich extrem geschockt.
  • Der Schnitt ist schlicht phänomenal!
  • Keine Dialoge, keine Musik (obwohl man im donnernden Maschinen- und Natursound tiefschwarze Ambientsounds erkennen könnte).
  • Der Film regt zum Nachdenken an und zeigt die ungeschönte Realität auf dem Meer. Es wird weder kommentiert noch mit dem Finger gezeigt. Es gibt nur Bilder, Sound und die rohe Verbindung zwischen Mensch und Natur.

Freitag, 2. September 2016

Fear Of God - Within The Veil

Fear-Of-God-Within-The-Veil

Trauer-Braten der Neunziger. Eigentlich von kaum einer Band in diesem Bereich je wieder erreicht, was auf "Within The Veil" an Intensität ausgelebt wird.

Ich finde die meisten (männergemachten) Frauen an der Front im Heavy Metal ja höchst peinlich und befremdlich. Vieles gehört unbedingt verboten – dieser gespielte, benutzerfreundliche, feuchte, spätpubertäre Männertraum, von Männern erdacht, für Männer gemacht. Doch Dawn Crosby hat ihre Hand fest am Hodenbeutel vieler Männer an der Front angespannt.

Im Mittelteil von 'Betrayed', in dem sich Slayer-Riffs überschlagen, sich Rhythmus und Tempo schlagartig ändern, und Crosby grunzt, flucht und schreit, als gäbe es keinen Morgen, sowie im schmerzlichen 'Drift', in dem sich Frau Crosby komplett entblößt und Angst- und Schmerzensschreie entfacht, finden sich nach wie vor einige der abgründigsten Erlebnisse in der Musik der Neunzigerjahre.

Meiner Meinung nach der perfekte Prototyp für alle Eisenfrauen, der aber niemals in Serie gegangen ist. Schade – und gerade deswegen so toll und einzigartig.

Dienstag, 23. August 2016

Type O Negative - Slow, Deep And Hard

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Nach der Auflösung von Carnivore gründete Peter Steele, der zu den zehn prägnantesten Persönlichkeiten im Heavy Metal gehört, mit Type O Negative eine der markantesten, herausragendsten und wichtigsten Bands in der Geschichte langer Männerhaare. Es ist schon fast unverschämt, dass Type O Negative mit ihrem Debüt nicht nur das beste Album ihrer Karriere abgeliefert haben, sondern mit Slow, Deep and Hard ein Unikat in Sachen Hass und Bösartigkeit geschaffen haben, das bis heute in dieser Form unerreicht ist. Slow, Deep and Hard ist nicht nur ein Klassiker der Extreme, sondern eines der ganz großen Meilensteine der harten Musik.

Die überlangen und unaussprechlichen Songs sind spielerisch nicht einmal besonders anspruchsvoll, sondern von einer Rohheit und Direktheit geprägt, die sich direkt ins Knochenmark bohrt. Die abnormale Mischung aus punkwildem Hardcore, Zeitlupen-Doom, Schmerzmittel-Gothic und ruppigem Thrash Metal wurde auf keinem anderen mir bekannten Album mit solch einer Höllenintensität vertont, wie es die vier Brooklyn-Boys hier (aus)leben.

Textlich überschreitet das Album Geschmacksgrenzen in einer Weise, dass es eine wahre Freude ist, den angepissten Ausbrüchen von Peter Steele zu lauschen. Das ist allerdings nichts für nervenschwache Gemüter, denn wenn man den derb-bitteren Sarkasmus, den überzogenen schwarzen Humor und den teilweise persönlichen Hintergrund in Steeles Texten nicht erkennt, kann das durchaus auch abstoßend wirken. Auch wenn die Band eher für den Schlüpferstürmer Bloody Kisses und den Blockbuster October Rust bekannt und berühmt ist, ist es dieses Über(menschen)debüt, das in seiner Einzigartigkeit und Pracht eine Sonderstellung im Bereich „Hart & Laut“ innehat.

Peter Steele verstarb am 14. April 2010 im Alter von 48 Jahren an einem Herzinfarkt, und mit ihm endete auch die Band Type O Negative. Trauriger ist eigentlich nur die Tatsache, dass mit Peter Steele eine große Persönlichkeit, ein charismatischer Charakterkopf und ein kantiges Unikat eine Lücke hinterließ, die nicht geschlossen werden kann.

Celtic Frost - Into The Pandemonium

Celtic-Frost-Into-The-Pandemonium

Bügelt ihr auch so gerne wie ich? Man denkt sich den ganzen Tag bei der Arbeit: „Ist die Wäsche auf der Leine schon trocken?“ und „Welches Album lege ich heute dazu auf?“ Into the Pandemonium von Celtic Frost gilt bei mir als der ganz große Wurf der Band.

Die Schweizer hatten auf diesem Klassiker ihre Pforten geöffnet und allerlei Fremdeinflüsse in ihren bis dato urigen und gewaltigen Krachsound Einlass gewährt. 1987 war Heavy Metal längst nicht mehr die NWoBHM-Schunkelmusik, die härtere Version von Rock und Punk aus den Siebzigern; Maiden, Priest & Co. strauchelten nur noch vor sich hin, während Metallica, Slayer & Co. sowie der weltweite Underground die Musik in immer neue Härtedimensionen rumpelten.

Und dann kamen plötzlich die Schweizer mit ihrem Zweitwerk daher und hinterließen wohl (ich selbst hörte damals noch Petra Zieger, Frank Schöbel und IC Falkenberg im Kindergarten, also kann ich nicht als Zeitzeuge dienen) eine Menge hämmernder Fragezeichen beim tobenden Mob.

Während Celtic Frost auf ihren beiden EPs und dem Vorgänger den Protosound für die spätere Death-Metal-Welle zelebrierten, gab es auf Into the Pandemonium auf einmal Disco, Bauhaus-Wave, elektronische Beatexperimente, Pop, Gothic-Tristesse, fliegende Teppiche, orientalischen Bazar-Zauber, opernhaftes Frauengesang, orchestrale Arrangements mit Pauken und Trompeten – und Thomas Gabriel Fischer sang plötzlich vereinzelt in verständlicher Sprache.

Heute läuft das unter dem Namen Avantgarde, damals war das Langhaarvolk damit wohl ziemlich überfordert. Diese größenwahnsinnige Kombination aus dem urtypischen Celtic-Frost-Sound (der Gitarrensound gehört zu den besten Momenten im gesamten Hard’n‘Heavy-Bereich) und den erwähnten Einflüssen schuf diesen kreativen Höhepunkt – ein Geniestreich, der auch nach fast dreißig Jahren zu den großen Meilensteinen der Heavy Metal-Musik zählt. Veredelt wurde diese Machtrakete mit einem wunderbaren, erdigen und warmen Sound sowie einem Ausschnitt aus der rechten Höllenseite von Hieronymus Boschs The Garden of Earthly Delights.

Übrigens wurde ein Heavy-Metal-Album nie wieder größenwahnsinniger und abgeklärter eröffnet als mit Mexican Radio.

Dienstag, 9. August 2016

Clerks



Regie: Kevin Smith, 1994

Irgendwann Ende der Neunziger habe ich diesen ersten Film von Kevin Smith mal im TV gesehen, doch er ist bei mir irgendwie völlig in Vergessenheit geraten. Man muss wohl nicht viel dazu sagen: Eine kleine Perle der Neunziger, für viele tonnenschwerer Kult und ein kleines Abzeichen dieser Zeit und der Generation der 90er Jahre.

Brian O’Halloran als Dante und Jeff Anderson als Randal verkörpern die beiden gelangweilten Nichtskönner auf überzeugend glaubwürdige Weise, auch wenn man schauspielerisch nicht allzu viel erwarten darf. Die große Stärke dieser kleinen Indie-Perle liegt in den Dialogen: Die ganzen Gespräche mit der nervenden Kundschaft (Dante arbeitet als Kassierer in einem schäbigen kleinen Lebensmittelladen, Randal übernimmt dieselbe Aufgabe in einer Videothek, die sich zwei Meter neben dem Laden befindet) und die skurrilen Situationen, die sich oft aus diesen Gesprächen ergeben, sind der Kern des Films.

Randal mag keine Menschen und verärgert mit Freude seine Kundschaft, was er auch bei Dante im Laden abzieht, da er dort oft zu „Besuch“ ist, wenn ihm langweilig ist. Dazu gesellt sich ein derber Humor, der meiner Meinung nach zwar die Fäkalgrenze, wie man sie aus aktuellen Komödien kennt, streift, aber trotz aller Zoten fast immer ins Schwarze trifft. Einige Sprüche sind auch heute noch unglaublich lustig und großartig. Der russische Metalsänger ist auch so ein kleines Highlight:

„My love for you is like a truck, Berserker. Would you like some making fuck, Berserker.“

Genau so funktioniert Heavy Metal!

Atmosphärisch ist der Film ebenfalls ganz groß, da die Bilder komplett in Schwarz-Weiß gehalten sind und die grobe Kameraführung ein ganz eigenes Bild zeichnet. Zudem besitzt der Film eine starke melancholische Note, die auf wundervolle Weise eine Generation einfängt. Für die Augen gibt es mit der damaligen Damenmode und den unglaublich hässlichen Damenfrisuren ein tolles Bild der Zeit.

Stimmig, lustig, skurril und ganz nah dran.