Dienstag, 2. August 2016

QUERSCHNITT - zehn Songs, ein Künstler; heute: PJ Harvey

Mir ist heute bei meiner Radtour ein kleines Konzept durch mein Hirn gerauscht. In regelmäßigen Abständen versuche ich hier, Bands und Einzeltäter, die mir besonders wichtig sind, etwas näher zu inspizieren und mit Hilfe von zehn ausgewählten Songs aus den unterschiedlichen Schaffensphasen für die Leser, die sich eventuell hierhin verirrt haben, vorzustellen. Laufen wird das jeweils unter dem Namen "QUERSCHNITT". Die Reihenfolge bezieht sich dabei nicht auf (m)eine persönliche Wertung, sondern dient lediglich zur (chronologischen) Übersicht. Songbeispiele, soweit vorhanden, verlinke ich mit der entsprechenden Quellenangabe.

Den ersten QUERSCHNITT auf diesem Blog übernimmt natürlich und ganz klar...

Die großartigste Musikerin unserer Zeit. Die Herrlichkeit mit Busen, die Kaiserin der modernen Rockmusik, die Gebieterin der Lust, schlicht und ergreifend die beste Rocksängerin aller Zeiten – Helene Fischer. Falscher Zettel. Polly Jean Harvey – die Frau mit dem markanten Mund, der einprägsamen Nase und den tausend Gesichtern. Optisch und akustisch besser als jeder Penis. Der Kompetenzgynäkologe empfiehlt – 10x Qualitätsabstrich:

10. Dress (1992, "Dry")

1992 tauchte die damals 22-jährige PJ Harvey mit ihrem kantigen Debüt Dry plötzlich in der bis dahin fast ausschließlich von Männern dominierten Rocklandschaft auf und machte eigentlich alles richtig. Schwitzender Schrammelrock, wild und lustvoll gespielt und kraftvoll gesungen – wie es eigentlich nur Frauen können. Bereits mit ihrem Debüt galt Polly Jean als ein unerklärliches Jahrhundert-Ausnahmetalent, das nicht nur in der Männerwelt für sabbernde Ohren und Augen sorgte. Gitarre, Bass, Schlagzeug – mehr braucht Frau nicht.
PJ Harvey - Dress (Quelle: Youtube) 

9. 50 Ft Queenie (1993, "Rid Of Me")

Unter vielen älteren Fans ist Rid Of Me ja irgendwie das Lieblingsalbum. Die irre geile Signature-Produktion vom Gottkaiser Steve Albini ist wohl auch das herausstechendste Merkmal von Rid Of Me. Eindeutig das räudigste und ungezügeltste Harvey-Album. Vertonter Schmutzfinksex in einer muffigen Drecksgrube und gleichzeitig ein urgewaltiger Anschlag auf die Sinne, dass ich mich auch heute noch in eine Testosteronbombe verwandle, wenn ich das Album auflege. Liebe ich natürlich auch hart ab. Der Bass! Hört doch mal.
PJ Harvey - 50 Ft Queenie (Quelle: Youtube)

8. Meet Ze Monsta (1995, "To Bring You My Love")

1995 erschien mit To Bring You My Love die bis heute mit Abstand abwechslungsreichste und künstlerisch wertvollste Platte, die Harvey aufgenommen hat. Grandioses und originelles Songwriting, verpackt in einer mal wieder fantastischen Produktion. Düster, bedrohlich, verrückt, komplex, ausbrechend, belastend und faszinierend schön – wie die Wasserleiche auf dem Cover. Meet Ze Monsta mit diesem Monster von einem Basssound und dieser verruchten und willigen Harvey, die hier wie eine drogenzerstörte Prostituierte wirkt, ist dabei nur ein Ausschnitt aus diesem Werk voller Weiblichkeit. Vielleicht ist To Bring You My Love sogar mein Lieblingsalbum; jedenfalls streitet es sich mit White Chalk und Stories from the City, Stories from the Sea um das beste weibliche Album in meiner Sammlung. Eindringlich bis ins Knochenmark, hocherotisch und betörend geil!
PJ Harvey - Meet Ze Monsta (Quelle: Youtube)

7. Down By The Water (1995, "To Bring You My Love")

Nochmal "To Bring You My Love". Knisternde Erotik, auch wenn es in diesem Song um Vergewaltigung geht.

6. A Perfect Day Elise (1998, "Is This Desire?")

Is This Desire? ist leider eine total unterbewertete Scheibe in der Harvey-Landschaft, was sicher daran liegt, dass der phänomenale Vorgänger einen viel zu großen Schatten wirft. Ich mag das Album, es ist eher ruhig gehalten, die Gitarren sind selten aggressiv, und PJ Harvey hat auch hier wieder einige Songperlen komponiert.
PJ Harvey - A Perfect Day Elise (Quelle: Youtube)

5. Big Exit (2000, "Stories From The City, Stories From The Sea")

Mit Stories From The City, Stories From The Sea brachte PJ Harvey im Jahr 2000 ihr bis heute zugänglichstes und songorientiertestes Werk hervor. Ein wahres Hit-Feuerwerk mit wunderschönen Melodien, Gesangslinien und einer wunderbar aufspielenden Band. Eröffnet von dem mächtigen Big Exit, in dem Harvey stimmlich von der ersten Sekunde an begeistert, bekommt man zeitlose und einfach richtig gute Rocksongs ins Hirn gepflanzt. Das erste große Meisterwerk für die Masse, das aber trotzdem mit jeder Sekunde künstlerische Großtaten aufzeigt und den schwierigen Spagat zwischen eingängigen Songs und anspruchsvollem Songwriting auslebt.
PJ Harvey - Big Exit (Quelle: Youtube)

4. The Whores Hustle And The Hustlers Whore (2000, "Stories From The City, Stories From The Sea")

Schlicht einer der besten Harvey-Songs und live – wie eigentlich immer bei Harvey – noch eine ganze Nummer knalliger. Wer hier nicht erkennt, was für eine großartige Musikerin sie ist, sollte dann doch lieber bei Helene Fischer bleiben.
PJ Harvey - The Whores Hustle And The Hustlers Whore (Quelle: Youtube)

3. Who The Fuck? (2004, "Uh Huh Her")

Mit diesem Werk ging Harvey wieder ruppiger zur Sache und lieferte Handgranatensongs wie z. B. Who The Fuck? ab, die destilliertes Liebeskonzentrat darstellen. Hier kann man auch wunderbar erkennen, warum PJ Harvey als wandelndes Chamäleon gilt.
PJ Harvey - Who The Fuck? (Quelle: Youtube)

2. Silence (2007, "White Chalk")

Müsste ich mich für ein Album entscheiden, würde meine Wahl wohl eindeutig auf White Chalk fallen. Selten hat mich Musik so schnell und ohne Inkubationszeit gefangen genommen. Mein persönliches Einstiegsalbum und gleichzeitig ein extrem intimer, persönlicher, zerbrechlicher und klagender düsterer Seelenstriptease von der Todesmaid Polly Jean. Da auf White Chalk keine E-Gitarren enthalten sind und die Musik größtenteils komplett auf akustischen Instrumenten eingespielt wurde, untermalt von einem simplen Piano und Harveys extrem hoher Stimme – leidend, schreiend, klagend, wütend, traurig, schmerzlich und zurückhaltend schön – klingt das Album wie ein vertonter Trauerzug, der Soundtrack auf dem Sterbebett. Dabei sind es berührende Momente wie das bittersüße Silence, das hoffnungslose Dear Darkness, der verträumte Titelsong oder das elegische The Mountain, die einen extrem bedrückenden Zauber heraufbeschwören. Vielleicht sogar DAS Album, das am deutlichsten das Jahrhunderttalent dieser Musikerin aufzeigt. Göttingegebenes 10-Punkte-Meisterwerk für die Insel und nichts weiter als eines der 10 besten Musikalben der 00er-Jahre!
PJ Harvey - Silence (Quelle: Youtube)

1. All And Everyone (2011, "Let England Shake")

Let England Shake ist bis heute Harveys ambitioniertestes Album, das irgendwie von allen vorherigen Alben etwas besitzt und trotzdem frisch und neu klingt. Von den Kritikern hoch gelobt, hatte ich anfangs meine Problemchen mit dem komplexen Albumfluss. Mittlerweile liebe ich dieses Werk aber auch. Mit All And Everyone enthält das Album sogar den für mich ergreifendsten Song, den PJ Harvey bisher geschrieben hat.
PJ Harvey - All And Everyone (Quelle: Youtube)

Judas Priest - Sad Wings Of Destiny



Stellvertretend für alles, was Judas Priest bis 1988 auszeichnet, ist bereits auf dem zweiten Album der Birmingham-Legende enthalten. Das urklassische Gitarrenduo Tipton/Downing hämmerte sich bis 1988 auf jedem Album songorientierte Hookline-Riffs aus den Pranken, ohne dabei übertrieben komplex oder selbstverliebt zu wirken (was mich bei der „billigeren“ Variante Maiden mittlerweile ziemlich nervt). Dazu schoss Halford unwiderstehliche Refrains und Gesangslinien in die Plattenrillen.

Neben Black Sabbath sind Judas Priest DIE Definition der klassischen Heavy-Metal-Band, auch wenn sich die Band ab den Neunzigern komplett demontiert hat (mit Ausnahme von Jugulator) und nie wieder zu alter Stärke fand. Dabei sind es solche sensationellen Übersongs wie Dreamer Deceiver/Deceiver (welch begnadete Gesangsleistung Halford hier abliefert), die eben nur Judas Priest schreiben konnten.

Montag, 1. August 2016

Castaway on the Moon


Regie: Lee Hae-jun, 2009

Kennt ihr das? Man lümmelt sich auf die Schnoddercouch, wühlt im Stapel ungesehener Filme im verstaubten Regal herum und zieht blind etwas heraus? Eigentlich wollte ich mich ja mit einem weiteren Werk von Sion Sono beschäftigen, hatte dann aber doch Lust auf etwas Zufälliges. Und dann bekommt man so einen wunderbaren Film!

Ein junger Mann hat seinen Job und seine Freundin verloren, ist pleite, verschuldet und hat keinen Lebenswillen mehr. Er beschließt, sich von einer Brücke in den Hangang (einen Fluss in Südkorea) zu stürzen. Leider wacht er später auf einer "Insel" zwischen Brückenpfeilern wieder auf, direkt gegenüber der Skyline der Wolkenkratzer am Strand. Mit seinem getrockneten Handy versucht er den Notruf zu erreichen, wird aber für verrückt gehalten. Da er nicht schwimmen kann, bleibt ihm nur noch der Gedanke an Suizid, den er mit seiner Krawatte und einem Baum umsetzen will. Doch schließlich beschließt er, sein Leben auf dieser "Insel" neu zu ordnen. Aus dem angeschwemmten Stadt- und Touristenmüll baut er sich ein kleines Lager und versucht vergeblich, Nahrung zu beschaffen. Sein anfängliches "HELP" am Strand verwandelt sich später in ein "HELLO", nachdem er nach drei Monaten einigermaßen gelernt hat, sich Nahrung zu erbeuten.

Szenenwechsel: In einem Wolkenkratzer direkt gegenüber lebt die völlig zurückgezogene junge Kim, eingesperrt in ihrem vermüllten Zimmer. Sie betreibt eine Homepage und inszeniert sich im Rampenlicht, gibt vor, jemand zu sein, der sie nicht ist. Kim ist im Gesicht leicht entstellt (vielleicht eine Brandnarbe?), was wohl nicht dem Schönheitsideal der Gesellschaft entspricht. Aber das ist natürlich Quatsch – sie ist eine niedliche Schönheit, wie ich finde. Egal. Ihr zweiter großer Lebensinhalt ist die Mondfotografie, für die sie eine entsprechende Ausrüstung besitzt. Im Gegensatz zu ihrem vollgemüllten Zimmer ist der Rest des Elternhauses wohlhabend und blitzblank. Ein weiterer Tick von Kim: Sie schläft im Schrank, eingemummelt in Luftpolsterfolie.

Als sie mit ihrer Kamera das "HELLO" und den Mann auf der Insel entdeckt, hält sie ihn zunächst für einen Außerirdischen (es gibt ein paar absurde Szenen, die ich hier nicht verraten möchte, durch die dieser Eindruck entsteht). Der junge Mann bekommt plötzlich Heißhunger auf Nudeln. Er beschließt, sich seine eigenen Nudeln "anzubauen". Wie er das macht, sollte sich jeder selbst anschauen. Großartig!

Kim entschließt sich, dem Mann Nachrichten per Weinflaschenpost zu schicken. Doch dafür muss sie nicht nur ihr Zimmer, sondern auch das Gebäude verlassen. Mit Motorradhelm und buntem Sonnenschirm schleicht sie sich in der Nacht zur Brücke, die nahe der "Insel" liegt, und wirft die Flasche in diese Richtung. Daraufhin entwickelt sich eine gewisse Kommunikation. Der junge Mann antwortet mit Botschaften, die er in den Sand schreibt, und Kim wagt jede Nacht erneut ihren gefürchteten Gang. Mehr möchte ich zur Geschichte nicht verraten.

Wow! Echt jetzt. WOW! Auch wenn sich das hier sehr komisch liest, der Film ist eine grandiose Mischung aus Isolation, Witz und Menschlichkeit. Er ist ungeheuer herzerwärmend und bietet selbst für Nicht-Asiakenner ein ungewöhnliches Bild. Beide Schauspieler liefern eine großartige Vorstellung ab, dabei wird auf die typischen asiatischen Stilmittel komplett verzichtet. Eine Mischung aus Mary & Max, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain und ein wenig Robinson Crusoe mit einer tollen Portion Tiefgründigkeit. Zudem erlebt man eine der bezauberndsten Romanzen der jüngeren Kinogeschichte. Dass beide Figuren den Namen Kim tragen, ist nur das i-Tüpfelchen.

Dringende Empfehlung mit dem Louis Cyphre-Gütesiegel an alle, die mal wieder einen richtig schönen Film erleben wollen. Welt, schau mehr asiatische Filmkunst!

Freitag, 29. Juli 2016

Idi i smotri


Regie: Elem Germanowitsch Klimow, 1985

Der Film erzählt die Geschichte des 12-jährigen Fljora, eines weißrussischen Bauernjungen zur Zeit der deutschen Besatzung. Nach dem Untergang der deutschen Armee in Stalingrad ziehen Einheiten der Waffen-SS durch Weißrussland und ermorden die Einheimischen. 628 Dörfer fallen den Gräueltaten zum Opfer. Fljora schließt sich den Partisanen an und muss nach einem Überfall deutscher Fallschirmjäger auf das Lager fliehen. Ein Massaker der SS überlebt der Junge.

In eindringlichen, teilweise erschreckenden Bildern erzeugt der Film eine beklemmende Endzeitstimmung. Der karge und hintergründige Soundtrack unterstreicht die Grausamkeit und den Horror der Bilder. Anders als in Hollywood werden die Szenen hier nicht von Explosionen, Schlachten und Effekten dominiert, sondern durch ein extrem authentisches und realistisches, dreckiges Bild. Fast dokumentarisch fängt die Kamera Gesichter in Nahaufnahmen, weite Waldgebiete und graue Landschaften ein. Manche Szenen sind großartig gefilmt und symbolisieren oft Verzweiflung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Überhaupt ist die Kameraarbeit absolut großartig und beeindruckend – typisch russisch eben.

Untypisch für einen Kriegsfilm ist auch die geringe Darstellung von Gewalt in exzessiven Bildern, die kaum vorkommt. Stattdessen ist der psychische Horror umso grausamer, bedrückender und gnadenloser als in allen Kriegsfilmen, die ich kenne.

Die Schlussszene gehört übrigens zu den eindrucksvollsten montierten Szenen, die ich je gesehen habe. Ein Film, der nicht unterhält, sondern zeigt!

Mittwoch, 27. Juli 2016

Black Sabbath - Vol. 4

Es gibt Alben, die nicht nur eine Ära definieren, sondern die Essenz eines ganzen Genres in sich tragen. „Vol. 4“ von Black Sabbath ist ein Album, das den Hörer in eine wahre Urgewalt aus Sound, Wut und psychedelischem Taumel stürzt. Es ist eine der bedeutendsten Veröffentlichungen der frühen Siebziger und markiert einen Wendepunkt im Schaffen der Band, die sich von ihren bluesgetränkten Wurzeln weiter in die Tiefen einer zunehmend progressiven und experimentellen Klangwelt vorwagt. Die bereits bekannte Schwere und Finsternis, die Black Sabbath als Begründer des Heavy Metal kultivierten, erhält hier eine zusätzliche Dimension: eine Mischung aus Verzweiflung, nahezu nihilistischer Euphorie und einer eigentümlichen Sensibilität, die in ihrer Eigenart unvergesslich ist. „Vol. 4“ ist nicht nur eines der wichtigsten Alben für den Heavy Metal – es ist eines der coolsten, lässigsten und kompromisslosesten Werke, die jemals aufgenommen wurden. Die rohe Energie und der ungezähmte Spirit, der durch jede Note dieses Albums pulsiert, machen es zu einem zeitlosen Meisterwerk. Es ist ein Album, das vor Authentizität strotzt und die unbändige Kreativität der Band auf ihrem absoluten Höhepunkt einfängt.

Für mich persönlich zählt „Vol. 4“ zu den ganz wenigen perfekten Alben der Musikgeschichte, obwohl es in meinem musikalischen Werdegang erst relativ spät seine volle Wirkung entfalten konnte. So gut wie auf „Vol. 4“ waren Black Sabbath in ihrer klassischen Besetzung nie wieder. Es ist das perfekte Zusammenspiel von vier Musikern, die hier die Höhe ihrer Schaffenskraft erreicht haben. Tony Iommi zaubert Riffs aus seiner Gitarre, die so ikonisch und mächtig sind, dass sie bis heute als Blaupause für unzählige Metalbands dienen. Bill Ward am Schlagzeug und Geezer Butler am Bass bilden eine Rhythmussektion, die so tight und druckvoll spielt, dass sie jeden Song in eine unerbittliche Walze aus purem Rock verwandelt. Und natürlich Ozzy Osbourne – der Teufelsanbeter, dessen unverkennbare Stimme über dem ganzen Werk thront und ihm seine dunkle, unheimliche Seele verleiht.

Der Opener ‚Wheels of Confusion‘ zeigt, dass es hier um mehr geht als um bloße Kraftmeierei. Das Stück beginnt mit einem getäuschten Gefühl der Kontrolle, einem scheinbar einfachen, fast rockigen Riff, doch bereits nach wenigen Takten weicht es einem musikalischen Wirbelwind, der das bekannte Terrain verlässt und sich in immer verworrenere Bahnen begibt. Iommis Gitarre klagt, schwelgt, erhebt sich in triumphale Höhen, nur um sich wieder in melancholische Gefilde zu stürzen. Es ist ein Epos, das in seinen verschiedenen Teilen die Bandbreite von Black Sabbath aufzeigt: vom verführerisch melodischen bis zum geradezu beängstigend düsteren Klangspektrum.

Ein weiterer Höhepunkt ist das treibende ‚Snowblind‘ – die offene Hommage an die Kokainexzesse, die das Leben der Band damals prägten. Tony Iommi spielt hier eines seiner prägnantesten Riffs, eine schwerfällige, aber unwiderstehliche Wand aus Sound, die sich wie eine Lawine auf den Zuhörer zubewegt. Ozzy Osbournes Stimme klingt hier verletzlich und aufgeladen zugleich; es ist eine Mischung aus Wahnsinn und Klarheit, die durch die gesamte Aufnahme hindurchschimmert. Gerade in dieser Unmittelbarkeit, in der schonungslosen Ehrlichkeit, die nicht um das Thema der Droge herumtänzelt, sondern es frontal angreift, liegt die Intensität von ‚Snowblind‘. Es ist ein Song, der das Gefühl der Flucht und des Kontrollverlusts in purer musikalischer Form einfängt.

Was „Vol. 4“ ebenfalls auszeichnet, ist die Fülle an stilistischen Experimenten, die die Band wagt. ‚Changes‘, eine balladeske Nummer, markiert einen tiefen Bruch im sonst so düsteren Klangbild der Band. Hier dominiert das Klavier, gespielt von Iommi selbst, und Ozzys Stimme erreicht eine emotionale Tiefe, die von Schmerz und Verlust erzählt. Der Song ist schlicht, fast verletzlich, und zeigt eine Seite der Band, die viele vielleicht nicht erwartet hätten – eine melancholische Aufrichtigkeit, die zwischen all der Schwere und Dunkelheit fast wie eine Erlösung wirkt. Es sind Momente wie diese, die Black Sabbath als mehr denn eine bloße Metal-Band ausweisen – sie waren stets auch musikalische Pioniere, bereit, die Grenzen dessen, was „heavy“ sein kann, zu erweitern.

Mit ‚Supernaut‘ liefert die Band eines der direktesten und kraftvollsten Stücke auf dem Album. Das treibende Riffing von Iommi in Verbindung mit Bill Wards unermüdlichem, fast tribalistischem Schlagzeugspiel macht diesen Track zu einer wahrhaft energiegeladenen Hymne. Der Groove, der sich durch das Stück zieht, ist elektrisierend, und auch wenn die Riffs simpel erscheinen, tragen sie eine unbändige Kraft in sich, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Es sind genau diese Elemente – die scheinbare Einfachheit kombiniert mit einer absoluten Hingabe und Präzision – die ‚Supernaut‘ zu einem unverzichtbaren Stück der Rockgeschichte machen. Es hat etwas fast Hypnotisches an sich, wie die Band hier unaufhaltsam und kompromisslos nach vorne prescht.

Songs wie ‚Snowblind‘, ‚Supernaut‘ und ‚Wheels of Confusion‘ sind nicht nur Klassiker – sie sind essenziell für das Verständnis des Heavy Metal. Sie zeigen, wie man düsteren, schweren Rock mit einer fast mühelosen Coolness verbindet. Die unheilvolle Stimmung, die düsteren Lyrics und die rohe, unpolierte Produktion verleihen dem Album eine Authentizität, die es von allem abhebt, was zuvor kam und was danach noch folgen sollte. Die Produktion von „Vol. 4“ fängt den Geist der Zeit perfekt ein: Sie ist roh, stellenweise fast unfertig wirkend. Es gibt keinen Schnickschnack, keinen überflüssigen Glamour – alles ist auf den Punkt, direkt und ehrlich. Man hört dem Album an, dass es in einer Zeit entstanden ist, in der Musik noch unmittelbarer Ausdruck von Lebensgefühl und Existenz war. Die Soundexperimente und kleinen Studio-Gimmicks tragen alle dazu bei, dass „Vol. 4“ wie ein organisches Ganzes wirkt – ein lebendiges Stück Musik voller Überraschungen.

Es ist ein versiffter Trip, ein Hörspiel des Wahnsinns und des Genies, eine Reise durch die tiefsten Abgründe und die höchsten Höhen der menschlichen Kreativität. Einer der eindrucksvollsten Aspekte von „Vol. 4“ ist die Balance zwischen der kompromisslosen Härte und der tiefen Emotionalität, die durch das gesamte Album schwingt. Ob es die düsteren, drogengetriebenen Visionen in ‚Snowblind‘ sind, die schmerzvolle Melancholie von ‚Changes‘ oder die rohe, fast ekstatische Energie von ‚Supernaut‘ – all diese Elemente verbinden sich zu einem komplexen Geflecht, das in seiner Gesamtheit weit über das hinausgeht, was man von einem „Metal-Album“ erwarten könnte. Black Sabbath waren niemals nur die Begründer eines Genres, sie waren Künstler, die die Grenzen dessen, was Musik leisten kann, immer weiter ausloteten.

„Vol. 4“ ist ein Denkmal der Rockgeschichte – ein Album, das für immer den Stempel "unvergänglich" trägt. Es ist eines dieser Werke, die nicht altern, die nichts von ihrer Kraft verlieren und die auch nach Jahrzehnten noch die gleiche elektrisierende Wirkung entfalten. Wenn man darüber spricht, was Heavy Metal wirklich ausmacht, wenn man nach der Essenz dieser Musik sucht, dann führt kein Weg an „Vol. 4“ vorbei. Es ist die Verkörperung dessen, was Rock und Metal sein können – roh, ungeschönt und absolut zeitlos.