HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
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KOPIE NR.: 01/70
In der britischen Musikgeschichte fristen The Soft Boys bis heute eine Randexistenz, deren Einfluss ungleich größer war als ihr tatsächlicher Nachhall und deren Name dennoch meist nur in Fußnoten oder Liebhaberlisten auftaucht. Als sich Punk bereits voll zu entwickeln begann und die ersten Post Punk-Bands ihre Neurosen, Kunstschulobsessionen und Klangexperimente kultivierten, standen The Soft Boys ohnehin schon abseits. Das 1980 veröffentlichte "Underwater Moonlight" deutet einen sonderbaren Übergang zwischen den ausfransenden Resten psychedelischer Rockmusik und der nervösen Ästhetik des Post Punk an. Robyn Hitchcock, dessen Songwriting schon damals zwischen britischem Nonsens, paranoider Psychedelia und Beatles-esker Melodieseligkeit schlenkerte, vollbrachte gemeinsam mit Kimberley Rew, Matthew Seligman und Morris Windsor ein Album, das sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht.
Die Band entstand Ende der Siebzigerjahre im Umfeld der Cambridge-Szene, zu einer Zeit, in der die Punk-Eruption zu erstarren begann und sich die musikalische Gegenbewegung in experimentellere Richtungen bewegte. Das Debüt der Band klang noch deutlich sprunghafter und unausgegorener: eine nervöse Ansammlung aus Psychedelia, Folkfragmenten und schrammeligem Punk, der man freilich schon anhörte, dass hier keine gewöhnliche Retroband am Werk war. Erst auf "Underwater Moonlight" gelang es der Band, die zuvor noch lose nebeneinanderstehenden Einflüsse tatsächlich in einen eigenständigen Sound zu überführen.
Die ersten Minuten lassen erahnen, wie eigenartig diese Platte funktioniert. Die Gitarren zitieren einerseits unverkennbar die Byrds und die helle Jangle-Ästhetik der Sechzigerjahre, klingen andererseits aber fahriger und leicht beschädigt. Oberhalb liegen blinzelnde Flächen, hektische Rhythmuswechsel und Hitchcocks extravaganter Gesang, der sich durch diese Songs zieht wie eine halb ironische, halb desorientierte Erzählerfigur. Seine Texte wirken oft absurd, kindlich verschroben, kippen jedoch immer wieder ins unmerklich Bedrohliche.
Vor allem die Gitarren bestimmen den Charakter des Albums. Hitchcock und Kimberley Rew verweben ihre Motive mit angenehmer Ungeniertheit; melodisch, verspielt und doch stets leicht schief und immer etwas instabil. Das Zusammenspiel erinnert stellenweise an Television, allerdings ohne deren urbane Kühle und technische Virtuosität; The Soft Boys klingen deutlich verwahrloster, unberechenbarer und britischer. Songs wie 'I Wanna Destroy You' besitzen zwar die typische Energie klassischer Punksongs, aber auch eine verwunderliche Mischung aus Spöttelei, zwanghafter Einbildung und popmusikalischer Leichtigkeit, die das gesamte Album durchquert.
Bedeutend ist eher, dass die Band bei aller Verschrobenheit nie den Sinn für Pop verliert. 'Kingdom Of Love' etwa windet sich durch verschachtelte Gitarrenfiguren und hypnotische Wiederholungen, bleibt aber merkwürdig zielsicher. Überhaupt lebt "Underwater Moonlight" von diesem chronischen Ungleichgewicht; so gut wie jeder Song scheint kurz davor, entweder einzubrechen oder gänzlich abzuheben, findet aber immer wieder zurück in diesen popmelodischen Zerfall.
Das Album besitzt trotz seiner Sprunghaftigkeit eine erstaunliche Geschlossenheit, weniger im klassischen kompositorischen Sinne als vielmehr atmosphärisch. Viele Bands aus der Zeit schlossen sich entweder der Strenge und Kälte des Post Punk an oder verloren sich im geschniegelten New Wave-Pop; The Soft Boys hingegen sorgten mit der Psychedelia der Sechzigerjahre und der Nervosität des Punk für einen Kurzschluss auf ihrem Werk und bewirkten damit etwas, das sich rückblickend wie das fehlende Bindeglied anhört. Deshalb wirkt das Album auch heute noch erstaunlich modern.
"Underwater Moonlight" ist zudem stark von Hitchcocks skurriler Gedankenwelt geprägt: von surrealem Humor, unterschwelliger Bedrohung, paranoiden Bildern und einer närrischen Ausprägung melancholischer Verwunderung. Seine Songs funktionieren selten über klare Aussagen oder lineare Erzählungen.
Dass "Underwater Moonlight" bei seinem Erscheinen weitgehend unterging, ist selbtserklärend folgerichtig. Das überdrehte, aber seltsam schöne Album passte in keine Szene wirklich hinein; zu schräg für den Pop, zu melodisch für die damaligen Avantgarde-Fraktionen, zu verspielt für orthodoxe Punkhörer. R.E.M., Pavement oder auch Teile des britischen Indie Rock der Achtziger- und Neunzigerjahre wären ohne dieses Album vermutlich kaum in derselben Form denkbar gewesen.
Dresden, den 28.09.2024
Handzeichen: Oberprüfer J.

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