HAUPTVERWALTUNG A (HVA) / ABTEILUNG 7
HAUPTSITZ: DIENSTKOMPLEX NORMANNENSTRASSE, LICHTENBERG, OST-BERLIN
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KOPIE NR.: 01/70
Seit meinen frühen Jugendjahren, in denen die Erkundung der verborgenen Winkel der musikalischen Welt manische Formen annahm, ragt "In the Nightside Eclipse" von Emperor als das besondere Werk aus dem Black Metal heraus, kein Genreklassiker im gewohnten, abgenutzten Sinn, sondern eine Machtdemonstration jugendlicher Hybris.
Aus der Distanz eines Lebensalters, das den Erfahrungshorizont eines Fünfzehnjährigen längst hinter sich gelassen hat, lässt sich kaum noch nachvollziehen, dass dieses Werk von Musikern stammt, deren Durchschnittsalter kaum die Volljährigkeit überschritt. "In the Nightside Eclipse" gehört zu den seltenen Alben, bei denen sich der Eindruck aufdrängt, hier habe sich für einen flüchtigen Moment etwas aufgetan, das weit über technisches Vermögen hinausreicht: eine Konstellation aus Vision, Größenwahn und Instinkt, deren Echo das Genre auf Dauer verformte.
Der Sound besitzt eine erstickende atmosphärische Totalität. Vom ersten Takt an gerät man in synthesizerdurchwirkte Klangmassen, klirrende Gitarrenläufe und losgelassene Schlagzeugpassagen; und selbstverständlich: Ihsahns Stimme, kein gewöhnlicher Kreischgesang, sondern eine aus weiter Ferne herandringende, halb erstickte Beschwörung. Nichts an diesem Album bleibt sauber voneinander geschieden, alles verschmilzt zu einem einzigen, gewaltigen Strom aus Kälte, Pathos und Raserei.
Die Melodien wiederum tragen eine Reife, die angesichts des Alters der Musiker irritierend ist. "Into the Infinity of Thoughts", "Cosmic Keys to My Creations and Times" oder "The Majesty of the Nightsky" sind Kompositionen von unverschämter Sicherheit, in denen Raserei und Erhabenheit unablässig gegeneinander anrennen; die Größe von "In the Nightside Eclipse" liegt in jedem einzelnen musikalischen Augenblick, der doch immer vollständig unter Kontrolle bleibt. Die Harmonien türmen sich übereinander, die Keyboards legen sich als kalter Nebel über die Gitarren, einzelne Melodien schälen sich kurz aus dem Chaos; es ist ein Werk ohne Außenwelt.
Von ähnlicher Bedeutung ist das Coverartwork. Die frostige Nachtlandschaft illustriert die Musik nicht einzig allein, sie zeigt ihre Ästhetik; alles an diesem Bild, dieser lebensfeindlichen Kälte, atmet dieselbe Gedankenlosigkeit.
"In the Nightside Eclipse" hat den Black Metal nicht einfach geprägt, es hat ihn aus seiner rohen Frühform gerissen und ihm eine bis dahin unbekannte melodische Größe aufgezwungen. Kein Album davor, kaum eines danach, verband eine solche Bitterkeit mit einer in solchem Maße kompositorischen Vollständigkeit; vieles, was später im symphonischen oder atmosphärischen Black Metal auftauchen sollte, ist hier bereits angelegt, allerdings noch ohne die Sterilität und Selbstgefälligkeit zahlloser Nachahmer.
Der Einfluss dieses Albums auf das Genre lässt sich kaum beziffern. Mit "In the Nightside Eclipse" verschoben Emperor die Maßstäbe des Black Metal auf Dauer: Plötzlich war da nicht mehr einzig und allein primitive Aggression.
Vor allem aber bleibt die Tatsache denkwürdig, in welchem Alter diese Musik entstand. Was hier zu hören ist, klingt nicht nach jugendlicher Unreife oder blindem Überschwang, sondern nach einem Werk von erschreckender Klarheit und über Jahrzehnte wirkender visionärer Kraft.
Dresden, den 01.09.2024
Handzeichen: Oberprüfer J.

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